Administration des Grauens – Vor 75 Jahren: Deportation pommerscher Juden

Die Synagoge in Stettin

Die Synagoge in Stettin (photo from sedina.px.pl) [Public domain], via Wikimedia Commons

Am 13. Februar 1940 wurden 1107 sogenannte reichsdeutsche Juden aus 20 Orten in Pommern von SA- und SS-Einheiten zusammengetrieben und in die militärisch besetzten polnischen Gebiete, das sogenannte Generalgouvernement, deportiert.

Diese Deportation war vermutlich eine „Generalprobe“ wie die Menschen in Deutschland und auch international wohl auf eine solche Maßnahme reagieren würden. Erste Meldungen über die Deportation aus Stettin erschienen schon am 15. Februar 1940 in einigen ausländischen Zeitungen. Das ganze Ausmaß der Tragödie wurde jedoch noch nicht erkannt.

Mit dem Februartransport war ein Siebentel der 1932 in Pommern registrierten 7771 Juden »verschickt« worden.

Mit einer deutsch-polnischen Gedenkfeier an den Fundamenten der einstigen Synagoge in Szczecin soll daran am morgigen Jahrestag erinnert werden.

Die zur Deportation bestimmten Personen, ca. 600 aus Stettin, der Rest aus dem übrigen Regierungsbezirk, wurden am 12. und 13. Februar 1940 in Stettin gesammelt (es herrschten -30 Grad) und vom dortigen Hauptgüterbahnhof mit der Eisenbahn auf die 690 Kilometer lange Strecke nach Lublin geschickt, wo sie am Morgen des 17. Februars ankamen (dort waren es -40 Grad). Sie mussten von dort aus dann in die Gettos von Piaski, Belzyce und Glusk marschieren. Bereits am Tag der Ankunft wurden 10 Verstorbene registriert, im ersten Monat waren es mehr als 80 Tote. Zwei Menschen schafften es, nach Deutschland zurückzukehren, der ehemaligen Stettiner Stadträtin Else Meyring gelang die Auswanderung nach Schweden. Sie hat darüber in dem Band
“Erinnerungen deutsch-jüdischer Frauen 1900-1990”,  Andreas Lixl-Purcell, Leipzig, 1993 berichtet.
Aus den Gettos wurden die Überlebenden dann später in die Vernichtungslager transportiert.
Nur sechs Frauen und der Zahnarzt Dr. Erich Mosbach aus Stettin überlebten das Inferno
Seinen erschütternden Bericht über diesen Transport und das weitere Schicksal können sie in einem Brief an einen Verwandten in Chile 1946 nachlesen.

Mosbach 1

Brief Dr. Mosbach 1946 Seite 1

Brief Seite 2   Brief Seite 3   Brief Seite 4

Alternativ Brief bei Yadvashem Item ID 9195561

Die Bürokratie war den Nationalsozialisten anscheinend sehr wichtig und so findet man heute zahlreiche Dokumente und Namenslisten über diese Transporte und ihre Vorbereitung.

Auf der Seite der Familie Tenhumberg kann man genau nachlesen, welche detaillierten Anweisungen die SA- und SS-Männer erhielten, die die jüdischen Familien abholen mussten:
Lassen Sie sich von dem Juden die Personalpapiere zeigen. Sofern ein über 14 Jahre alter Jude nicht im Besitz einer Kennkarte ist, sind für diesen 2 Lichtbilder (möglichst Paßbilder, wenn keine Paßbilder vorhanden, irgendwelche Aufnahmen, die den Juden allein darstellen. Sind auch solche nicht da, so ist doch irgendeine Gruppenaufnahme da. Aus dieser ist dann das Bild des Juden herauszuschneiden) mitzubringen.”

Le Temps, Paris vom 17.02.1940

Le Temps, Paris vom 17.02.1940

 

Ebenso grauenvoll liest sich die ausführliche Dokumentation auf der Seite “Statistik des Holocaust”:
Neben den Vorüberlegungen und der Planung des Schreckens gibt es akribische Listen der Verstorbenen  – die wurden regelmäßig für den Regierungspräsidenten in Stettin erstellt und eine Liste mit allen Namen, Geburtsdaten, Angaben zu den Eltern und zum Beruf. Diese Archivalien stammen aus dem Archiv in Lublin.

 

Sie finden auf dieser Seite auch weitere Listen der Bezirksstelle Brandenburg-Ostpreußen, die für die Deportation aus Pommern und Ostpreußen zuständig war.

 

 

 

Literatur:

Danke an die Tantow-Webseite für den Hinweis auf die Gedenkveranstaltung

Erinnerungen der Stettiner Stadträtin Elsa Meyring (*1883) an Jugend und Familie in Stettin

Frau Jensen erzählt über Stettin und weitere Gedanken 

Gedenktag an der Uni Greifswald 2010 mit weiteren Hinweisen

Artikel der Stiftung deutsche Kultur in Osteuropa zu diesem Thema

Wolfgang Wilhelmus,  Juden in Vorpommern berichtet ausführlich auch über diese Deportation , pdf-Datei

Das Schicksal der Krankenschwester Vera Mosbach, Ehefrau des Dr. Erich Mosbach

 

3 Gedanken zu „Administration des Grauens – Vor 75 Jahren: Deportation pommerscher Juden

  1. Derzeit (seit 25.02.2015) online ein ausführlicher Bericht im Nordmagazin mit Michael Majerski
    http://www.ndr.de/fernsehen/epg/import/Nordmagazin-Land-und-Leute,sendung340144.html
    unter dem Titel: Pomerania: Spurensuche in Stettin
    Obwohl in Stettin noch viele Spuren der deutschen Geschichte zu sehen sind, wurde in der Stadt bisher wenig über die Zeit vor 1945 gesprochen. Langsam jedoch fragen auch polnische Jugendliche nach den letzten deutschen Jahren: nach der Nazizeit, nach dem politischem Widerstand in der damals deutschen Bevölkerung und nach dem Schicksal der jüdischen Einwohner. „Land und Leute Pomerania“ zeigt einen Teil dieser Geschichte.

  2. In der polnischen Gazeta.pl finden sich Fotos von der Veranstaltung in Stettin
    und beim NDR ein Kommentar:
    Albers, Usedom schrieb am 13.02.2015 20:17 Uhr:
    “Als Teilnehmer der Gedenkveranstaltung mit einer Usedom-
    Delegation (einschließlich Wolgast und Greifswald) teile ich mit: Dass dieses deutsch-polnische Treffen von einem freundschaftlichen, nachbarschaftlichen, europäischen Geist geprägt war: Würdig. Eindrucksvoll. In die Zukunft weisend.”
    http://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Deutsche-und-Polen-gedenken-Judenverfolgung,gedenkenstettin100.html

  3. Die Geschichtswerkstatt Rostock e. V. hat 2009 in der Reihe “Zeitgeschichte regional, Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern” das Sonderheft Nr. 3 veröffentlicht:
    Die Namensliste der 1940 aus dem Regierungsbezirk Stettin deportierten Juden. Mit einer Einleitung zum Geschehen und zum Dokument von Wolfgang Wilhelmus

Kommentare sind geschlossen.