Auch die Kleinstadt hat ein Nachtleben

“Stolper Jungchen“ und Stolper Mädel

Reise nach Pommern / Auch die Kleinstadt hat ein Nachtleben
Das Lessing-Lyzeum und die Käsefabrik / „Es ist ein Skandal ‘

Stolp – Am Bahntor

.,Ja,” sagte die pommersche Gutsherrin zu mir — sie war enorm tüchtig und reichlich spitz — „gegen Ihr Berlin können wir nicht an. Das zieht mit seinen Kinos, Bars und der so verschwenderisch bemessenen Arbeitslosenunterstützung unsere jungen Leute an wie der Honig die Fliegen, die Mädels übrigens noch mehr als die Burschen. Denken Sie, es will noch eine Magd werden? Lieber gehen sie als Dienstmädchen nach Berlin. Nicht mal in unsere pommerschen Städte wollen sie. Freilich, wir können ihnen das nicht bieten, wie Sie. Bei uns ist es langweilig, aber gesund. Der zersetzende Einfluss der Grossstadt . . . noch nicht in unsere ländliche Einsamkeit gedrungen . . . unverdorbener Instinkt wehrt sich . . . Festhalten am guten Alten . .

Es war das alte Lied vom Sündenbabel der Grossstadt und der Sittenreinheit aller Ortschaften unter 50 000 Einwohnern. Es wird immer wieder mit dem Brustton so felsenfester Überzeugung gesungen, dass wir alle dran glauben. So lange, bis
wir mal in eine richtige Kleinstadt kommen, sagen wir mal: nach Stolp.
Stolp ist der Geburtsort des Reichspostmeisters Stefan und des Reichsgerichtspräsidenten Bumke. Und Stolp hat — ein Nachtleben.

Ein Nachtleben hat natürlich auch die kleinste Stadt; das Leben hört ja nachts nicht auf. In Köslin besteht es aus dem erleuchteten Fenster eines Warenhauses, in dem eine verführerische Modepuppe steht, angetan in gleissende Kunstseide. Vor diesem Fenster promeniert, was die Sehnsucht nach grossstädtischer Eleganz zur Bürgerstunde noch nicht schlafen lässt. Punkt elf Uhr schaltet ein unerbittlicher Automat die Schaufensterbeleuchtung aus, das verführerische Weib aus Pappmache
verschwindet, wie eine Wunschvorstellung. Man geht in den „Kronprinz“, trinkt einen Doppelkorn und schläft danach sanft und ohne jede Anfechtung.

Bütow ist noch sittenreiner. Da gibt es Berliner Modepuppen nicht einmal in den Schaufenstern. Dafür ziehen die kassubischen Marjellen, wenn sie morgens zum Markt kommen, Schaftstiefel an, teils wegen dem Matsch und teils wegen der Sittlichkeit. Und wenn mit forschem Schritt ein hübsches Bürgermädchen vorbeigeht, sagen dummer Weise die schnoddrigen Reisenden aus Berlin nur:          „P. E. B.“.  Das heisst: Pommersches
Einheits-Bein. Das Nachtleben Bütows pendelt zwischen dem Kino und dem “Freikrug“. Im Kino bekommen Bütower Mädchen Sehnsucht, Dienstmädchen in Berlin zu werden. Im Freikrug halten die Männer altpommersche Art hoch und die Gläser mit Bohrisch-Bier.

Köslin und Bütow sind so kleinstädtisch, so sittenrein, so unverdorben wie Steglitz oder Adlershof, zehn Minuten hinter der Endstation der Strassenbahn.
Stolp hingegen . . .

Stolp, Blücher Denkmal

Man muss Stolp bei Tage gesehen haben, um ganz zu ermessen. welche Wandlung nachts mit ihm vorgeht. Es gibt tagsüber dort vier Sehenswürdigkeiten: Blücher, das Rathaus, die Stolper Mädchen und die „Stolper Jungchen“.
Leberecht Blücher steht auf dem Markt, in Gusseisen, und stürmt mit geschwungenem Säbel die noch heute Königlich privilegierte Hofapotheke. Der Landeskonservator hat schwarz auf weiss bestätigt, dass ihm keinerlei Kunstwerk innewohnt, und dass seiner Umschmelzung in Granaten nichts im Wege stehe. Als dieses Zeugnis den Instanzenweg glücklich durchlaufen hatte, brauchte man keine Granaten mehr, der Friede war inzwischen ausgebrochen. Die Blücher-Husaren verschwanden, der gusseiserne Leberecht aber blieb und nimmt ab und zu die Parade über eine Schwadron des Reiterregiments Nr. 5 ab die unter der republikanischen Kokarde die alte Blücher-Tradition behütet.

Das Rathaus ist äusserlich ein rotes Scheusal, innerlich ein Muster an Konzentration. Es vereinigt neben der Stadtschreiberei die Feuerwehr, das Standesamt, eine Polizeiwache und die Geschäftsstelle der pommerschen Landesbücherei.

Stolp, Lessingschule

Die Stolper Mädchen und die Stolper Jungchen findet man dicht beieinander; die ersteren im Lessing-Lyzeum, die letzteren in der Genossenschaftsmolkerei. Die Mädchen sind richtige junge Damen, die „Jungchen“ hingegen sind aus Käse. Beide sind ungeheuer appetitlich.

Das Lessing-Lyzeum ist ein riesiges, wirklich schönes Gebäude mit rund hundert Fenstern. Wenn du deinen Spass haben willst, geh dort hin, wenn gerade Pause ist, zücke einen Photoapparat und tue so, als ob du eine Aufnahme machst. Gleich
kreischt eine voller Entzücken: „Er photographiert!“, und im Nu sind alle Fenster mit den hübschesten Mädchenköpfen besetzt. Hundert Fenster voller Bubiköpfe im Alter bis zu siebzehn Jahren. Es ist eine Pracht!

Der Mädchenflor von halb Hinterpommern wird hier fürs Abitur gedrillt. Er kommt morgens mit denselben Zügen in die Stadt, auf denen die vierzigtausend Liter Milch an rollen, aus denen die Genossenschaftsmolkerei „Stolper Jungchen“ erzeugt.

Man hat mich zwei Stunden lang durch diesen Musterbetrieb geführt: es war eine Orgie in Weiss. Haben Sie schon mal in ein Bassin gesehen, in dem zehntausend Liter Milch von einem Propeller gequirlt werden? Wissen Sie, wie Schlagsahne schmeckt,
die durch den Zerstäuber hergestellt wird? Lang vergessene, infantile Lüste werden hier wieder wach: man bekommt Sehnsucht nach der Milchflasche.

All das versinkt, wird man in jenen Dom geführt, in dem 34000 handtellergrosse Käschen in keuscher Kühle darauf warten, dass der im eigenen Laboratorium erzeugte Edelschimmel an ihnen sein Werk vollende. Haben sie die nötige Reife erlangt, wickeln manikürte Frauenhände sie zärtlich in Staniol, betten sie in niedliche Schächtelchen, auf denen ein roter Knabe fröhlich in die Welt springt. Ein milchweisses Auto fährt sie jeden Tag zum Bahnhof; von da stolpern sie in die Welt, bis nach Afri- und Amerika.

Stolp, Blick aufs Stadttor und Cafe Reinhardt

Unsere Devise aber soll fürderhin sein: „Jedem deutschen Mädchen sein Stolper Jungchen!“

Nach Dunkelwerden verändert sich diese milchweisse Welt völlig. Stolp erstrahlt im schwülen Licht grossstädtischer Reizbeleuchtung. Es gibt da ein Warenhaus, von der Wirtschafts – Partei laut geschmäht und heimlich gesegnet: wie gäbe es in Stolp eine Wirtschaftspartei ohne dieses Warenhaus? Dieser Würger aller mittelständischen Existenzen lässt abends seine Konturen von Röhren mit glühenden Gasen nachzeichnen, lange über Ladenschluss hinaus. Und dicht daneben, nur durch das ehrwürdige Stadttor getrennt, leuchtet es in jenem Rot, das Kennzeichen ist für politischen wie für erotischen Radikalismus:
„Reinhardts Diele“.
Und hier beginnt das Stolper Nachtleben.

Stolp hat dreißigtausend Einwohner, zwei Dielen, zwei damit verbundene Bars und mindestens sechs professionelle Bardamen, eine davon sogar aus Budapest. Es ist wahr: die Bardamen ziehen sich züchtiger an als selbst ihre Kolleginnen in Stettin,
und die Jazzbands spielen keine undeutschen „Niggersongs” sondern die schönen alten preussischen Militärmärsche, nur leicht als Foxtrott, Tango und Blues verkleidet. Aber der Mixer in der Wallhausbar heisst nicht Heinzdietrich oder Jürgen, wie es
sich für das nationale Pommern gehörte, sondern Johny und spielt auf seiner Schnapsorgel, als wäre er von Krenek*.

Blick in die Reinhardt Diele

Ich spreche nicht aus dem hohlen Fass, sondern aus Erfahrung: diese großstädtischen Lasterhöhlen werden von zahlreichen .Stolpern eifrig besucht: von ihnen und von den Herrschaften, die von den umliegenden Rittergütern hereinkommen.
Zwar ist es heute nicht mehr wie in jenen Inflationszeiten, wo ein Gutsherr auf dem Markt fünf Zentner Roggen verkaufte und dann bei Johny alles freihielt was mittrinken wollte. Die Zeiten sind schlecht in Hinterpommern, sehr schlecht, und wenn heute
sich jemand besäuft, so geschieht es aus Kummer, wie bei jenem Direktor einer Genossenschaft, der ein Rittergut mit sehr viel Hypotheken, Berieselungsanlagen und Kormoranen kaufen musste, damit seine Forderungen nicht ganz ausfielen. Aber in
den Grenzen dessen, was der Mensch in Pommern haben muss — und was niemand ihm neidet! —, geht es hier nicht anders zu als. sagen wir: in Berlin.
Mit einem Unterschied allerdings: Stolp ist klein und Berlin ist gross. In Stolp kennt jeder jeden. Während sie unter farbig verhüllten Lampions sitzen und auf den Moment warten, wo im scharfen Licht der Scheinwerfer — o bitte sehr! — ein mondänes
Tanzpaar die modernsten Pas zeigt, registrieren sie, wer da ist und wer fehlt. Sie wissen, dass der schlanke, liebenswürdige Regierungsassessor von W. zur Regierung nach Köslin gefahren ist, und Rechtsanwalt B. seine Frau nach Berlin geschickt hat,
Sie registrieren, dass die blonde Hilde — 1,75 Meter gross, blond, keine Spur von PEB, sehr elegantes schwarzes Seidenkleid, vornkurz, hinten ganz lang — schon wieder einen neuen Verehrer hat, und die dunkle, frisch geschiedene Frau S. ebenfalls, und
wieder einen aus der Maschinenbranche.

Sie sind Kleinstadt, aber sie spielen, mit Inbrunst und viel natürlicher Anlage, Sündenbabel. Spielen es so gut. dass der Grossstädter sich ganz wohl dabei fühlt.
Sie lieben die „schwüle“ Beleuchtung, die Jazzmusik. Schuhe aus Schlangenhaut, den Namen Cocktail für das, was sie im Glase haben, den abgespreizten kleinen Finger manikürter Hände, hohe, gepolsterte Hocker vor einer Mahagoniplatte mit Messing
geländer, die Anzüglichkeiten eines Conferenciers, die Geschäftserotik der Animierdamen, den Wachtmeister, der um vier Uhr in der Frühe Feierabend gebietet. Alles wie bei uns. Aber sie sind rotwangiger, unverbrauchter, und nehmen das Ganze
viel ernster.

Am ernstesten vielleicht nehmen es die Damen mit den imponierenden Figuren und dem wenig schönen Dutt aus meist sehr schönen Haaren, die am anderen Tage der Mamsell auf dem Gut erzählen: „Wissen Sie. mal muss man sowas ja mitmachen.
Aber es ist wirklich schon ein S—kandal!“

Es ist keiner, gnädige Frau. Aber es ist auch nicht wahr, dass die Kleinstadt ein Tugendhort ist und die Großstadt ein Sündenpfuhl. Es gibt Teile von Berlin, die sind so hinterpommersch, wie Bütow oder Rummelsburg. Und es gibt Lokalitäten in Stolp. die sind mit Jazz und Erotik geladen, wie irgendein Berliner Nachtlokal. Und wir sind allzumal arme Schächer oder Menschen, die ihr bisschen Vergnügen da suchen, wo sie es finden. Was ein und dasselbe ist. C. Z. Klötzel.

(Cheskel Zwi Klötzel, https://de.wikipedia.org/wiki/C._Z._Kl%C3%B6tzel)

Quelle: Berliner Volkszeitung Sonntag   05 Januar 1930

*Anspielung auf die so genannte „Jazz-Oper“ Jonny spielt auf von Ernst Krenek

Weitere Angaben zum Autor finden sich in: Schulz, Ulrich; Hans (Cheskel Zwi) Klötzel, in: Stolper Heft 2012.  In diesem Heft findet sich auch der vorstehende Artikel.