„Auf in Richtung Sonnenuntergang“

1Wir lebten in Kuckelvitz, einem kleinen Dorf bei Trent auf der Insel Rügen. Wir, das waren meine beiden älteren Schwestern und meine Eltern und ich. Unsere Kate war schon sehr alt. Sie bestand aus einem langestrecken Schlafzimmer mit drei Betten, einem Zimmer, in dem wir wohnten und aßen und einer Küche, es gab einen großen porzellanbraunen Ofen, der vom Boden bis fast zur Decke reichte. In diesem Zimmer stand auch mein Bett. Nebenan, nur durch einen langen Flur getrennt, wohnte eine andere Familie. Insgesamt waren wir vier Familien im Haus. Ich kannte jeden Winkel in diesem kleinen Ort, manchmal durfte ich durch den Wald mit nach Trent zum Einkaufen gehen.

Als ich vier Jahre alt war, zog mein Großvater bei uns ein und auch eine Cousine, die nicht bei ihrem Stiefvater leben wollte. Damit wurde es ganz schön eng bei uns zuhause.

Ein Jahr später beschlossen meine Eltern, nach Amerika auszuwandern2., sie nannten es „das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Jedenfalls war es wohl sehr weit weg, viel weiter weg als Trent. Sie hatten gehört, dass man hier leicht ein Vermögen machen konnte. Mein Großvater war ganz begeistert, er wollte unbedingt mitkommen und dieses Land kennenlernen. Meine Onkel versuchten ihn umzustimmen: „Du bist 65 Jahre alt und nicht bei bester Gesundheit. Bleibe hier, dieses ferne Land wird niemals dein Zuhause sein.“ Aber alles zureden half nichts, Großvater war nicht davon abzubringen.

Mein Vater verkaufte die wenigen Dinge, die wir besaßen, alles, bis auf die Kleidung, die wir mitnehmen wollten. Ich erinnere mich an den Morgen, an dem wir aufbrachen. Wir waren schon alle vor Tagesanbruch auf den Beinen, jeder hatte noch zu tun, wir waren alle sehr aufgeregt. Meine Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins waren ebenso gekommen, wie Freunde und Nachbarn, jeder wollte uns verabschieden. Ich war traurig, weil ich mich von meinen Spielkameraden trennen musste. Auch die Erwachsenen umarmten sich zum Abschied, weinten und wünschten sich gegenseitig alles Gute. Mein Vater und seine Brüder versprachen sich, zu schreiben und in Kontakt zu bleiben.

Wir ließen unser Vaterland hinter uns.

Das Schiff Electric, National Maritime Museum, Greenwich, London (Royal Museums Greenwich), CC-BY-NC-SA-3.0, Urheber: PAH8546, Publisher F. Sala (Sala & Co.), via Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/The_%22Electric%22_PW7751.jpg

Wir fuhren nach Hamburg3 , so viele Menschen hatte ich noch nie gesehen. Im Hafen bestiegen wir Anfang November 1868 das Segelschiff Electric, das uns nach Amerika bringen sollte. Auf dem Schiff trafen wir ein paar andere Familien aus Kuckelvitz wieder4. Es waren etwa 300 Passagiere an Bord, auch viele Kinder, mit denen ich spielen konnte, aber es war nur wenig Platz und wir schliefen noch enger zusammen als zuhause. Am liebsten ging ich aber sowieso mit meinem Großvater an Deck herum. Er erzählte mir von dem großen Meer, den hohen Wellen und den Fischen, die im Meer lebten. Wo auch immer er war, war ich auch. Wir hatten eine schöne Zeit und waren gute Kumpel, mein Großvater und ich.

Und dann wurde mein Großvater krank, sehr krank sogar. Ich hatte große Angst, er würde nie wieder gesund werden. Und tatsächlich, sein Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter und dann eines Abends rief der liebe Gott ihn zu sich nach Hause5. Es war schrecklich, ich war unendlich traurig, musste so sehr weinen und drückte mein Gesicht in den Rock meiner Mutter, als man ihn in ein Tuch hüllte, festschnürte und dann in sein Ozeangrab hinabließ. Warum hatte er nicht wenigstens ein paar Tage in Amerika verbringen dürfen, diesem Land, von dem er sich so viel Gutes versprochen hatte. Meine Eltern versuchten sich und uns mit den Worten zu trösten: „Was Gott tut, ist gut getan, wir müssen uns in unser Schicksal geben.“ Und mein Vater hatte nun gleich nach unserer Ankunft in Amerika an meine Onkel und Tanten einen traurigen Brief zu schreiben.

Aber dann ist noch etwas schlimmes passiert. Auf unserer Reise gerieten wir in einige schreckliche Stürme, der Kapitän schlug deshalb einen Kurs weiter südlich ein. Wir waren viele Wochen auf dem Meer unterwegs und oft seekrank. Außerdem mussten wir sparsam mit dem Trinkwasser und den Lebensmitteln umgehen. Jeden Tag wurde die Verpflegung an die Familien ausgeteilt, aber oft war ich trotzdem noch hungrig und durstig. Auch Mutters getrocknete Früchte waren nun langsam schon aufgebraucht.

Dann wurde uns gesagt, wir würden bald ankommen und wir waren heilfroh, dass wir bald endlich vom Schiff runterkommen würden. Aber eines Nachts geschah etwas schreckliches. In den Kajüten der Schiffsbesatzung wurde gefeiert, wir hörten den Krach bis zu unserem Deck. Dabei – wer auch immer dafür verantwortlich war – war das Schiff offensichtlich vom Kurs abgekommen und lief mit einem schrecklichen Aufprall auf eine Sandbank auf. Nur noch wenige Meter weiter und wir wären auf einem Riff gelandet und in Stücke gerissen worden. Durch den Aufprall geriet Wasser ins Schiff und ich bekam Angst, dass wir ertrinken würden. Alle schrien wild durcheinander, hielten uns dicht beieinander auf und beteten zu Gott, dass er unser Leben retten möge.

Markierung Egg Harbor, Kartenausschnitt bearbeitet, die vollständige unbearbeitete Karte unter https://www.openstreetmap.org/export#map=10/39.9171/-73.6249, OpenStreetMap-Mitwirkende, Lizenz CC BY-SA 2.0, https://www.openstreetmap.org/copyright

Auf Befehl des Kapitäns hin versammelten sich alle fähigen Männer an Deck zum Wasser pumpen. Zwischendurch hörte ich immer wieder jemanden sagen, dass das hoffnungslos wäre, aber die Männer gaben nicht auf und am nächsten Tag wurden unsere Gebete erhört. Ein Dampfer kam in Sicht, doch er konnte nicht nahe genug an uns herankommen. Man ließ Rettungsboote zu Wasser und wir wurden alle an Seile gebunden und zu den Rettungsbooten herübergezogen. Zum Glück wurde auch unser Gepäck gerettet.

Weil es auf dem anderen Schiff so eng war, standen wir zusammengepfercht wie Vieh. Das Schiff war mit Ladung und Passagieren auf dem Weg zu den Westindischen Inseln unterwegs und setzte uns deshalb nur irgendwo in der Nähe an Land ab. Hier blieben wir, bis ein anderes Schiff uns abholte und kamen dann endlich Weihnachten 1868 in New York an. Wir waren drei Monate auf dem Meer gewesen6.

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Quellen und Bemerkungen:

  1. „Ich“, das ist Marie Caroline Wilhelmine Wittmütz, geboren 1862 in Kuckelvitz, Insel Rügen, die mit ihrem Großvater Wilhelm Balzer Carl Wittmütz, ihren Eltern Carl Wittmütz und Minnie Wagner und ihren Geschwistern im Jahr 1868 auswanderte. Die Familie ließ sich in Brookings, South Dakota nieder, wo sie den Familiennamen in Witmis änderten. Ihr Großvater Wilhelm Balzer Carl Wittmütz, der während der Überfahrt starb, ist der Bruder meiner 3xUrgroßmutter (VERWANDTSCHAFTSÜBERSICHT bis zu meinem Großvater Ewald Giese). Nach der Autobiographie „The Sunset Trail“, aufgeschrieben von Mary Witmus, 1913. Das Original befindet sich im Besitz von Miles Lampson, ins Englische übersetzt von Pat Walker, Transkript „The Sunset Trail by Mary Witmus“ als Datei online im Stammbaum „Witmus & Related Lines of Ruegen Island“, HTTPS://WWW.MYHERITAGE.DE/SITE-148852982/WITMUS-RELATED-LINES-OF-RUEGEN-ISLAND zuletzt aufgerufen am 10.6.22

  2. Entlassung aus der preußischen Staatsbürgerschaft am 23.9.1868 für Carl Johann Adolph Wittmütz, seine Frau Wilhelmine Christine Alwine geborene Wagner, ihren Kindern Wilhelmine Adolphine Henriette, Caroline Marie Wilhelmine, Marie Caroline Wilhelmine, seinem Vater Wilhelm Balzer Carl und dessen Stieftochter Juliane Wilhelmine Johanna Kolwitz. Kopie des Entlassungsbriefs im bereits unter Quelle 1 genannten Stammbaum.

  3. Im Originalbericht ist von der Postkutsche die Rede, mit der die Familie nach Hamburg gereist sein soll. Doch da die Eisenbahn seinerzeit deutlich günstiger gewesen war, werden sie vermutlich nur zu Beginn die Postkutsche genutzt haben und den größeren Teil in der 4. Klasse der Bahn unterwegs gewesen sein. In der 4. Klasse befand sich das Gepäck der Reisenden und einfache Holzbänke, teilweise saß man auf dem eigenen Gepäck. (Q.: So‘ ne Tortour – Wie der Norden damals reiste (NDR) HTTPS://WWW.YOUTUBE.COM/WATCH?V=LQSELJJSZFA, aufgerufen am 10.6.22). Möglich war die Eisenbahn-Verbindung über Stralsund-Berlin-Hamburg oder Rostock-Hagenow-Hamburg (Q.: IEG-MAPS · Server für digitale historische Karten, Serie 5: Eisenbahnen in Deutschland 1835-1885 HTTPS://WWW.IEG-MAPS.UNI-MAINZ.DE/MAPSP/MAPE867D.HTM, aufgerufen am 10.6.22).

  4. Staatsarchiv Hamburg. Hamburger Passagierlisten, 1850-1934 [database on-line]. Provo, UT, USA: Ancestry.com Operations, Inc., 2008. Ursprüngliche Daten:Staatsarchiv Hamburg, Bestand: 373-7 I, VIII (Auswanderungsamt I). Mikrofilmrollen K 1701 – K 2008, S 17363 – S 17383, 13116 – 13183. Link: HTTPS://WWW.ANCESTRY.DE/IMAGEVIEWER/COLLECTIONS/1068/IMAGES/K_1714_080473-0094?TREEID=&PERSONID=&RC=&USEPUB=TRUE&_PHSRC=ISA2&_PHSTART=SUCCESSSOURCE&PID=5318381&LANG=DE-DE ff., Die Familie Carl Witzmitz befindet sich auf Seite 1171 der Sammlung (Digitalisat 676/741).

  5. Eintrag für die Familie Carl Witzmitz „New York Passenger Lists, 1820-1891,“ database with images, FamilySearch (HTTPS://FAMILYSEARCH.ORG/ARK:/61903/3:1:939V-5BJR-V?CC=1849782&WC=MX6L-4M9%3A165830501: 26 November 2014), 305 – 18 Dec 1868-20 Jan 1869 > image 108 of 401; citing NARA microfilm publication M237 (Washington D.C.: National Archives and Records Administration, n.d.).

  6. Tatsächlich war das Schiff Electric 45 Tage unterwegs gewesen. Während der Überfahrt hatte es starken Westwind und näherte sich New York von Süden her. In der Nacht vom 21. auf den 22.12.1868 lief das Schiff im dichten Neben auf eine Sandbank bei Egg Harbor, New Jersey auf. Passagiere, Besatzung und Fracht inkl. Gepäck wurden am 23.12. vom Küstenrettungsdampfer Relief aufgenommen und nach New York gebracht. Die Electric konnte ein paar Tage später freigemacht werden, sie hatte leichten Schaden und nahm nach der Reparatur wieder ihren Dienst auf. (Quellen: u.a. The New York Herald v. 24.12.1868, S. 10 HTTPS://CHRONICLINGAMERICA.LOC.GOV/LCCN/SN83030313/1868-12-24/ED-1/SEQ-10/

 

Ein Gedanke zu „„Auf in Richtung Sonnenuntergang“

  1. 1868…Unvorstellbar, wie sich die Welt entwickelt hat…. Wenn Caesar zu Zeiten Napoleons wieder auf die Welt gekommen wäre – er hätte sich zurechtgefunden! Wenn Napoleon heute wieder auf die Welt käme – er käme nicht mehr zurecht…

    So betrachtet ist in den 100 Jahren zwischen 1868 und 1968 auch unglaublich viel geschehen. Um in die USA zu kommen braucht man heute 9 Flugstunden….!

    Wann ist der Kulminationspunkt in der Entwicklung erreicht????

    Hans-Jochen Beilke

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