Das Osterwasser

Väm dat seer schmuck schall loaddä,
dei wasch sich man mit Osterwoaddä.
Doavon ward dat Gesicht so fien
als von ‘ner Schönheitskönigin.

oder

Es ist von altersher bekannt,
doch fast nicht zu verstehn:
Wer sich mit Osterwasser wäscht,
der wird besonders schön!

Quelle

Und mit dem Osterwasser ist das so:

Am frühen Ostersonntagmorgen,
bevor der Sonne Lauf beginnt,
ist alles Wasser wie verzaubert,
das hell und klar aus Quellen rinnt.

Es hat die Gabe zu verschönern,
wer sich damit zu Ostern pflegt.
Dann geht ein Wunsch oft in Erfüllung,
den manche Frau im stillen hegt.

Doch ist dabei wohl zu beachten,
daß der nicht spricht ab Mitternacht,
der hingeht und will Wasser holen,
bis er es hat ins Haus gebracht.

Dazu eine kleine Geschichte:

Ich kann einmal davon berichten,
wie es bei unserm Nachbarn war,
was sich zu Ostern zugetragen
im Pommerland vor Tag und Jahr.

Daß Vater Wasser holen sollte,
war man gekommen überein;
denn seine Frau und seine Töchter,
die wollten gar noch schöner sein.

Als nun der Tag herangekommen,
war Heinrich auch recht frühe wach –
schon dämmerte der Ostermorgen
ins eheliche Schlafgemach.

Da stand er auf – und um sich tastend
zog er sich eilends leise an;
er mußte es ja auch vermeiden,
daß Hulda ein Gespräch begann

Doch hat er nicht damit gerechnet,
daß seine Frau schon aufgewacht.
Sie lag ganz still, doch auf der Lauer,
neugierig, was er denn bloß macht?

Sie konnte sich das nicht erklären,
warum er schon so früh aufsteht,
weil sie es ganz vergessen hatte,
daß er zum Osterwasser geht.

Grad will er sich von dannen schleichen,
da richtet sie sich auf und spricht:
Wat fummelst Du denn doa im Düstern?
Bliew stoahn, ick moak nu arst moal Licht!”

Da sieht sie ihn, schon angezogen,
wie er grad aus der Tür gehn will.
“Wat is denn nu mit Di?” so fragt sie,
doch dabei bleibt er immer still.

“Du kannst doch noch ä bitzkä schloapä!
Du häst noch goar nist toa mi seggt.
Wo willst Du hen? Hüt is doch Sünntag.
Deet Di wat weih? ls Di denn schlecht?”

Da schüttelt er den Kopf gelassen
und deutet es mit Gesten an,
er möchte Osterwasser holen und,
daß er dann nicht sprechen kann.

Das ist zuviel für seine Hulda – sie klagt:
“Nu hät dat em erwischt!
Hei fuchtelt jon all mit dä Armä,
als wenn hei in dä Luft rüm fischt!

Nee, nee -wat is denn bloß mit Heinrich?
Hei seggt niat mehr, kiekt mi bloß an.
lck glöw, hei is nich mehr ganz richtig. –
Dat dat so rasch ook koammä kann”.

Da läßt denn Heinrich sich erweichen
und sagt: “Du büst ein richtig Dön!
lck wull doch Osterwoaddä hoalä. –
Nu warst Du ook dit Joahr nich schön!”

Quelle: Aus der Heimat Rügenwalde (Pommern) Jahrbuch 1978, Erwin Vehlow