Der jüdische Arzt von Schivelbein

Ein Beitrag von Julia Henke
zum
Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

 

„Einmal, erinnere ich mich, hatte Vater eine schlimme Kopfrose und nur mit Hilfe von Dr. Meyersohn aus Schivelbein hat der Vater überlebt.“

Ich habe großes Glück, dass die Erinnerungen meines Großonkels Max über den Alltag meines Urgroßvaters August Krüger als Schweinemeister in Teschenbusch erhalten sind. Über das Leben der Bauern auf einem pommerschen Gut wollte ich schreiben, hatte mich bereits durch Fachliteratur zur Schweinehaltung und zur Agrargeschichte Pommerns gewühlt, da blieb ich an diesem Satz hängen. Wer war wohl Dr. Meyersohn, dieser hilfreiche Arzt aus Schivelbein?

Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde: Dr. Siegbert Meyersohn war Jude. Er und seine Familie mussten Schivelbein in den dreißiger Jahren verlassen. Der Lebensretter meines Urgroßvaters wurde genau wie seine Frau Käthe und seine Tochter Eva in einem Konzentrationslager ermordet.

Das Schicksal der Familie Meyersohn ließ mich nicht los. Immer tiefer stieg ich in ihre Geschichte ein, den Werdegang von Siegbert Meyersohn, die kontinuierliche Entrechtung des angesehenen Arztes in Schivelbein und später in Berlin, das Überleben der Tochter Lisa, das an ein Wunder grenzt.

Die Geschichte der Familie Meyersohn ist exemplarisch für die Geschichte so vieler angesehener und gebildeter Menschen in Deutschland, die sich stolz zu ihrem Judentum bekannten und bis 1933 zwar diskriminierter, aber doch weitgehend akzeptierter Teil der Gesellschaft waren. Ihre Ausgrenzung, Entrechtung und Ermordung ist für Schivelbein kaum dokumentiert. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten.

Eine gutbürgerliche Familie in Bromberg

Siegbert Meyersohn wurde am 1. Februar 1886 in Bromberg in der Provinz Posen und damit der historischen Landschaft Kujawien geboren. Sein Vater war der Kaufmann Moritz Meyersohn aus Wittun im Kreis Flatow, seine Mutter Henriette eine geborene Horwitz aus Margonin, 65 km westlich von Bromberg. Siegberts Schwester Erna war nur 11 Monate älter als er. Im Dezember 1887 wurde die Schwester Margarethe geboren und im Mai 1890 folgte der jüngste Bruder Herbert. Es gibt Bilder der Geschwister, mir ist es leider nicht gelungen, eine Genehmigung für die Verwendung zu bekommen.

Mit einer kurzen Unterbrechung war Bromberg seit 1772 eine preußische Stadt. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung waren ethnische Deutsche. Die jüdische Gemeinde war klein – ihr Anteil an der Stadtbevölkerung betrug nur etwa 3,5 Prozent – aber bedeutend. Ihre Mitglieder bekleideten öffentliche Ämter, ihnen gehörten Geschäfte und Fabriken. Moritz Meyersohn handelte mit Textilien, am Friedrichsplatz, noch heute die gute Stube Brombergs. Das Haus Nr. 28 hatte er gekauft und 1898 umbauen lassen, der Laden unten, die Wohnung der Familie oben.

Beide Fotos aus: Ansichten-Album Bromberg 1900, Kujawisch-Pommersche Digitale Bibliothek, gemeinfrei

In den Dokumenten des historischen Bromberg finden sich die bildungsbürgerlichen Spuren Moritz Meyersohns: das Adressbuch für Bromberg 1906 weist ihn als Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde aus. Im Jahresbericht der Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft in Bromberg 1904/05 findet er sich als Mitglied in den Abteilungen Kunst, Singakademie und Literatur.

Adressbuch für Bromberg 1917, Kujawisch-Pommersche Digitale Bibliothek, gemeinfrei

Kein Wunder also, dass Moritz Meyersohn auch für seine Kinder einen guten Bildungsweg anstrebte. Seine beiden Söhne Siegbert und Herbert besuchten das Königliche Gymnasium in Bromberg. 1895 trat Siegbert dort in die Sexta ein. Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch und Englisch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik und Rechnen, Naturwissenschaften: eine klassische Gymnasialausbildung, die er Ostern 1905 mit dem Abitur abschloss. Sogar die Prüfungsfragen, mit denen er sich herumschlagen musste, sind noch erhalten. In Mathematik war eine der Aufgaben für die Reifeprüfung eine erstaunlich praktische: Ein Beamter erbt eine Summe von 10 000 Mark und legt von seinem Gehalt 7 Jahre hindurch am Ende jedes Jahres 300 Mark zurück. In den folgenden 5 Jahren kann er nichts sparen, sondern kommt mit seinem Gehalt gerade aus. Wie lange kann er nach Ablauf der letzten 5 Jahre eine Rente von 2000 Mark beziehen, wenn 5 % gerechnet werden.

Königliches Gymnasium zu Bromberg, Bericht über das Schuljahr 1904/1905, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, urn:nbn:de:hbz:061:1-683622

1907 bestand auch Herbert das Abitur. Wie sein großer Bruder wollte er Arzt werden. Ein klassischer Bildungsweg zweier Jungen aus gutem Hause.

Von Kujawien nach Baden – Studium in Freiburg

Siegbert Meyersohn hätte sich kaum einen weiter entfernten Ort im Deutschen Reich aussuchen können, um Medizin zu studieren – fast 1200 Kilometer nach Südwesten zog es ihn, ins badische Freiburg im Breisgau. Damals wie heute ein gemütliches Studentenstädtchen im Schwarzwald.

Anfang des 20. Jahrhunderts studierten gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil überproportional viele Juden an den Universitäten des Deutschen Reichs. Neben Berlin, Frankfurt, Heidelberg und Breslau gehörte Freiburg zu den Universitäten mit dem höchsten Anteil jüdischer Studierender. Trotzdem machten sie insgesamt gerade einmal 4 % der Studierenden aus. Doch die jüdischen Studenten waren eine Minderheit, die mit ausgeprägtem Aufstiegswillen an die Universitäten strebten, schreibt Miriam Rürup in ihrer Arbeit „Ehrensache – Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886 bis 1937“. Ein Ausdruck dieses Strebens nach Erfolg und Anerkennung war die Mitgliedschaft in einer studentischen Verbindung, auch wenn laut Miriam Rürup deutsche jüdische Verbindungsstudenten eine Minderheit in der Minderheit waren. In den klassischen christlichen Korporationen gehörte der Antisemitismus quasi zum Programm. So gründeten sich eigene jüdische Verbindungen, konservativ-nationalistische genauso wie zionistische. Siegbert Meyersohn schloss sich im Juli 1907 dem „Verein jüdischer Studierender“ in Freiburg an und entschied sich damit für die zionistische Seite. Der Idee der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina blieb Siegbert Meyersohn auch in seinem weiteren Leben eng verbunden. In jüdischen Zeitungen dokumentierte Geldspenden für den jüdischen Nationalfonds belegen dies.

Vom Sommersemester 1906 bis zum Wintersemester 1906/07 war er in Freiburg im Breisgau immatrikuliert. Dann kam der Militärdienst und er setzte sein Studium in München fort. Ab dem Sommersemester 1908 bis zum Wintersemester 1910 kehrte er nach Freiburg zurück. Sein Name findet sich noch heute in den Immatrikulationslisten der Großherzoglich Badischen Universität Freiburg. Auch sein Bruder Herbert ist hier als Studierender der Zahnmedizin vermerkt, im Sommersemester 1908 und dann wieder ab dem Sommersemester 1910.

1910 bestand Siegbert Meyersohn das medizinische Staatsexamen und promovierte. Bei seiner Dissertation entschied er sich für ein Thema, das zu Freiburg und seiner Lage passte. „Typische Frakturen bei Skiläufern“ widmete er „Meinen lieben Eltern in Dankbarkeit“. Das anschließende praktische Jahr führte ihn nach Schlesien an das Städtische Krankenhaus in Liegnitz. Seine zivile medizinische Ausbildung war damit abgeschlossen.

Der Erste Weltkrieg – Dienst fürs Vaterland

Bereits am 1. Oktober 1907 war Siegbert Meyersohn in den Militärdienst des Königreichs Bayern eingetreten. Als Reservesoldat konnte er sein Studium trotzdem fortsetzen. Er stieg vom einfachen Gefreiten bis zum Oberarzt auf und diente in bayerischen Regimentern in Fürth, München, Hof und Ingolstadt.

Doch er strebte nicht nur eine militärische Karriere an. Er hatte eine junge Frau kennengelernt, Käthe Albertine Salomon. Sie kam nicht aus Freiburg, Fürth oder Bromberg, sondern aus einem kleinen Städtchen in Hinterpommern, dessen Namen Siegbert Meyersohn zuvor wahrscheinlich noch nie gehört hatte: Schivelbein. Wie waren sich die beiden da bloß über den Weg gelaufen? Die Lösung wird in Käthe Salomons Familie gelegen haben. Ihr Bruder Paul Salomon, ein Rechtsanwalt, diente zeitgleich mit Siegbert Meyersohn im Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 6 in Fürth und könnte seine kleine Schwester mit dem Arzt bekannt gemacht haben.

Im Juli 1913 gab Dr. Siegbert Meyersohn seine Verlobung mit Käthe Salomon bekannt. Die Tochter des Mühlenbesitzers Max Salomon war sicherlich eine gute Partie, ihm gehörten die Schlossmühle in Schivelbein und die „Villa Salomon“ gleich neben der Mühle. Ein guter Ort, um sich als Arzt niederzulassen. So zog Dr. Meyersohn in die pommersche Provinz und eröffnete in der Mühlenstraße 1320, der Villa seines Schwiegervaters, eine eigene Arztpraxis.

Schlossmühle und Villa Salomon nach 1945

Mühle und Villa heute, Aufnahme von Joachim Beckmann

Villa Salomon heute, Aufnahme von Joachim Beckmann

Am 17. Oktober 1913 heirateten Käthe Salomon und Dr. Siegbert Meyersohn in Schivelbein. Am 11. August 1914 wurde das Glück der kleinen Familie perfekt: Tochter Lisa Therese kam auf die Welt. Zehn Tage zuvor war das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg eingetreten.

Es war jetzt Krieg und Dr. Meyersohn, gerade erst Vater geworden, musste als Feldarzt an die Westfront. Die Kriegsranglisten und -stammrollen des Königreichs Bayern zeichnen seine Einsätze in Frankreich ab dem 20. August 1914 nach: Schlachten in Lothringen, rund um Arras und ein einjähriger Stellungskrieg bis Mai 1916 bei Vermandovillers im Norden Frankreichs. Der Arzt war mittendrin im Grauen des 1. Weltkriegs. Er wird Schreckliches gesehen haben, hunderte von schwerstverletzten Soldaten behandelt und vielen von ihnen das Leben gerettet haben. Für seine Verdienste wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Unter der Überschrift „Zionisten im Feld“ berichtet die Jüdische Zeitung am 27.11.1914 von der Verleihung des Ordens an Dr. Siegbert Meyersohn. Am 11. November 1918 endete der 1. Weltkrieg, der etwa 17 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte.

Ein angesehener Bürger – Arzt in Schivelbein

 Der Krieg war endlich vorbei und Siegbert Meyersohn hatte ihn bis auf einen Knöchelbruch körperlich unversehrt überstanden. Sein Heimatort Bromberg gehörte jetzt zu Polen und hieß Bydgoszcz. Wie so viele der deutschen Einwohner Brombergs entschieden sich seine Eltern und sein Bruder Herbert, der sich 1916 hier als Zahnarzt niedergelassen hatte, die Zweite Polnische Republik zu verlassen und in Berlin eine neue Heimat zu suchen.

In Schivelbein war die kleine Lisa Meyersohn ihre ersten vier Lebensjahre fast ohne Vater aufgewachsen. Sie hatte Siegbert Meyersohn bis auf kurze Heimaturlaube so gut wie nie gesehen. Jetzt war es an der Zeit, sich ein gemeinsames gutes Leben in Schivelbein aufzubauen, das Familienleben zu genießen, Arbeit in die Praxis zu stecken und sich in der Gemeinde zu etablieren. Und dies gelang Dr. Meyersohn auch, als „bekannter, angesehener und ausgezeichneter Arzt“ ist er Gemeindemitgliedern in Erinnerung geblieben.

In Schivelbein gab es zu dieser Zeit sechs praktische Ärzte. Ob diese es immer einfach gehabt haben mit ihrer Klientel, zumindest der in den Dörfern, ist zu bezweifeln. Der 1926 geborene Mannfried Pahlow schreibt über seine Kindheit im hundert Kilometer östlich gelegenen Martinshagen: „Einen richtigen Arzt zog man nur hinzu, wenn das Ableben des Patienten zu erwarten war (…). Sonst behandelte man sich mit den vielen wirksamen Hausmitteln, oft Roßkuren, selber; zumeist erfolgreich.“ Gerne versuchte man es auch mit der „Weisen Frau“, einer Art Dorfhexe. Vielleicht hat auch mein Urgroßvater mit seiner Kopfrose so lange gewartet, bis es kaum noch ging und er einen Lebensretter brauchte.

1921 gab es nochmals Nachwuchs im Hause Meyersohn. Tochter Eva kam am 3. März auf die Welt. Lisa Meyersohn war jetzt große Schwester und ab Sommer 1921 auch Schulkind. Sie besuchte später das Gymnasium und machte 1933 ihr Abitur. Es gibt ein Bild vom Abiturientenjahrgang 1933 des Rudolf-Virchow-Realgymnasiums in Schivelbein. Die Qualität ist schlecht, die Personen sind leider nicht namentlich beschriftet. Vergleicht man das Bild mit einem späteren, könnte es sich bei der jungen Frau unten rechts um Lisa Meyersohn handeln.

Dass Käthes Vater Max Salomon und die Familie Meyersohn Juden waren, dürfte kein Geheimnis gewesen sein. Max Salomon war seit 1899 Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Schivelbein und sollte es bis zu seinem Tod am 17. März 1932 auch bleiben. Dr. Siegbert Meyersohn folgte ihm in dieser Funktion nach.

Die im Dezember 1880 eingeweihte neue Synagoge war der Mittelpunkt der kleinen jüdischen Gemeinde. Dr. Karl Richter, Rabbiner in Schivelbein von 1935 – 1936, berichtete davon, dass nachmittags der Religionsunterricht für die Kinder stattfand und sich die Gemeinde abends zu kurzen Gottesdiensten, Vorträgen und Diskussionen in der Synagoge versammelte. An den hohen Feiertagen reiste der Rabbiner aus Berlin an.

Unknown author, Świdwin synagoga 02, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stand die Synagoge, das Zentrum jüdischen Gemeindelebens in Schivelbein, in Flammen. Die Feuerwehr sorgte lediglich dafür, dass der Brand nicht auf die Nachbarhäuser übergriff. Dr. Siegbert Meyersohn und andere hochangesehene Gemeindemitglieder wurden verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin deportiert.

Demütigung und Entrechtung – Flucht nach Berlin

So wie Siegbert Meyersohn waren nach der Pogromnacht etwa 30.000 meist wohlhabende Menschen jüdischen Glaubens ohne Begründung in Konzentrationslager verschleppt worden. Die sogenannten „Aktionsjuden“ sollten dazu gebracht werden, auszuwandern und ihr Eigentum aufzugeben. Die Internierung war von Brutalität und Erniedrigung bestimmt. Auch wenn viele der grundlos Inhaftierten nach Wochen oder Monaten, so wie Dr. Meyersohn, wieder freigelassen wurden, waren sie traumatisiert und in Panik. Spätestens jetzt war ihnen klar, dass Deutschland, ihr Heimatland, für sie kein sicherer Ort mehr sein konnte.

Bereits ab 1933 waren jüdische Ärzte in Deutschland – immerhin 11% aller hier tätigen Mediziner – systematisch entrechtet worden. Die Verordnung des Reichsarbeitsministers über die Zulassung von Ärzten bei den Krankenkassen vom 22. April 1933 ermöglichte den kassenärztlichen Vereinigungen, jüdischen Ärzten, die sich „im kommunistischen Sinne“ betätigt hatten, die Kassenzulassung und damit ihre wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. Und die kassenärztlichen Vereinigungen machten rasch und rege Gebrauch von dieser Möglichkeit. Ausgenommen waren die Ärzte, die im 1. Weltkrieg an der Front gekämpft hatten – vielleicht konnte Dr. Meyersohn also weiter Geld für seine Arbeit erhalten. 1938 war dann die Berufsausübung für jüdische Ärzte praktisch ausgeschlossen. In der 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz wurde festgelegt, dass ihre Approbationen am 30. September 1938 erlöschen würden.

„Der Stürmer“ April 1935

4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 28.07.1938

Ich habe keine Nachweise darüber gefunden, wann genau die Familie Meyersohn Schivelbein verlassen hat. Vielleicht direkt nach den Ereignissen der Reichspogromnacht und der Inhaftierung in Sachsenhausen. Vielleicht hatte die Familie die „Villa Salomon“ für einen Spottpreis abgeben und wegziehen müssen. Spätestens 1940 lebten jedenfalls keine Juden mehr in Schivelbein. Gauleiter Franz Schwede, ein glühender und übereifriger Nationalsozialist, hatte sein Ziel erreicht und Pommern als ersten Gau des Reiches für „judenfrei“ erklärt.

Dr. Siegbert Meyersohns Bruder Herbert, der Zahnarzt in Berlin, konnte mit seiner Frau im Frühjahr 1939 nach England fliehen. Dort drohte ihm zunächst die Internierung, denn als Deutscher war er in den Augen der Briten – Verfolgung hin oder her – „Enemy Alien“, feindlicher Ausländer. Nur durch seinen Eintritt als Sanitätsoffizier in das „Dental Corps“ der britischen Armee konnte er dies verhindern. Schwester Margarethe, verheiratet mit Erich Oscher aus Königsberg, und ihr Sohn Horst erreichten am 22. September 1940 New York. Schwester Erna hatte mit ihrem Mann Bruno Geßler in Zittau eine Familie gegründet. Sie mussten 1938 mit den beiden Söhnen Hans und Otto nach Berlin umziehen, wo Bruno Geßler am 6. Oktober 1940 starb. Ob Dr. Siegbert Meyersohn versucht hatte, Deutschland zu verlassen, habe ich nicht herausfinden können. Auch wie und wovon er und seine Familie in Berlin lebten, war nicht zu ermitteln. Es gibt eine Adresse, Maikowskistraße 107 bei Salomon. Hier lebte Paul Salomon, Käthe Meyersohns Bruder, der Rechtsanwalt. Es wird wahrscheinlich bereits eine „Judenwohnung“ gewesen sein, in der sich viel zu viele Personen drängen mussten.

Der letzte schriftliche Beleg von Dr. Siegbert Meyersohn, seiner Frau Käthe und ihrer Tochter Eva zu Lebzeiten stammt vom 14. Dezember 1942. Es ist eine Transportliste für den 25. Osttransport in das Konzentrationslager Auschwitz. 1948 wurden nachträglich Sterbeurkunden für Käthe und Siegbert Meyersohn ausgestellt, die als Todeszeitpunkt und -ort Anfang 1943 in „Riga/Lettland im Konzentrationslager“ ausweisen. Für die 21-jährige Eva gibt es keine urkundlichen Nachweise. Aber auch sie hat nicht überlebt.

Paul Salomon wurde am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Erna Geßler fuhr mit ihrem 17-jährigen Sohn Otto einen Tag später, am 3. März 1943, Richtung Auschwitz in den Tod. Ihr Sohn Hans konnte nach England fliehen. Er hat dort eine Familie gegründet. Für die Familie Geßler wurden 2019 in Zittau Stolpersteine verlegt. Die fünf Enkel von Hans waren dabei anwesend. Die Kinder von Horst „Horace“ Oscher, dem Sohn von Margarethe Meyersohn, leben in den USA.

Überleben – die Geschichte von Lisa Meyersohn

Lisa Meyersohn, die älteste Tochter von Siegbert und Käthe Meyersohn, hat die Judenverfolgung überlebt und starb am 21. November 2001 in Rio de Janeiro, wohin sie 1948 ausgewandert war. Aber wie hat sie das Dritte Reich überstehen können, als „Volljüdin“ in der deutschen Hauptstadt? Ihr Schicksal ist eng verwoben mit dem jüdischen Krankenhaus in Berlin. Dieses Krankenhaus in der Iranischen Straße im Stadtteil Wedding hat den ganzen Krieg über existiert. Von den 170.000 Jüdinnen und Juden, die 1933 in Berlin lebten, waren am Ende des Krieges noch 6.500 am Leben. Dazu gehörten Menschen, die durch ihre „privilegierte Mischehe“ mit Nichtjuden geschützt waren, etwa 1.200 Untergetauchte und Mitarbeiter zweier jüdischer Einrichtungen: des Jüdischen Friedhofs Weißensee und des Jüdischen Krankenhauses. Daniel B. Silver hat die Geschichte dieses Krankenhauses im Dritten Reich recherchiert, er hat sich auf die Suche nach Zeitzeugen gemacht und ihre Erzählungen in dem Buch „Überleben in der Hölle“ dokumentiert. Eine von ihnen war Lisa Meyersohn, die in dem Buch namentlich erwähnt ist.

© Verlag für Berlin-Brandenburg

Lisa wurde von 1936 bis 1938 am jüdischen Krankenhaus zur Krankenschwester ausgebildet. Vielleicht wollte sie nach dem Abitur 1933 eigentlich in die Fußstapfen ihres Vaters treten und Medizin studieren, was ihr von den Nationalsozialisten verwehrt wurde. Wahrscheinlich bot das jüdische Krankenhaus die einzige Möglichkeit für eine medizinische Ausbildung. Am 22. September 1938 bestand sie die Prüfung als Krankenpflegerin und arbeitete anschließend bis 1947 dort als Krankenschwester. Sie hat in ständiger Angst gelebt, abgeholt und deportiert zu werden. Sie hat Aussonderungsaktionen überlebt, wie die im März 1943, als die Krankenhausleitung gezwungen wurde, die Hälfte der Mitarbeiter für die Deportation zu benennen. Sie hat Patientinnen und Patienten gesund gepflegt, damit diese im Anschluss die Reise in das Konzentrationslager antreten konnten. Sie hat unzählige Menschen erlebt, deren verzweifelte Selbstmordversuche gescheitert waren. Und sie hat ihre Eltern, ihre kleine Schwester, ihren Onkel, ihre Tante, ihren Cousin in Transporte verschwinden sehen.

Lisa Meyersohn wollte nach dem Krieg nicht mehr in Deutschland bleiben. Ihre Suche nach ihrer Tante Margarethe in den USA ist dokumentiert. Ich hoffe, dass sie sie auch gefunden hat. 1947 stellte sie ein „Gesuch um Hilfe“ bei der Internationalen Flüchtlingsorganisation, um nach Südamerika zu emigrieren. 1948 wanderte sie nach Brasilien aus und wurde am 19. Mai 1954 eingebürgert. Sie hat keine Nachfahren. Die quälende Erinnerung an ihre Jugend in Berlin und ihre ermordete Familie wird sie nie losgelassen haben, sonst hätte sie sich hochbetagt wohl nicht bei Daniel B. Silver gemeldet, als der Zeitzeugen für sein Buch suchte. Sie starb 2001 87-jährig in Rio de Janeiro.

Lisa Meyersohn

Meine Reise in die Geschichte der Familie Meyersohn ist jetzt zu Ende. Ich habe mich über viele Wochen mit wachsendem Interesse in ihr Leben und mit wachsender Verzweiflung in ihren Tod vertieft. Ich habe das Gefühl, ihnen dabei sehr nahe gekommen zu sein. Dr. Meyersohn hat meinem Urgroßvater das Leben gerettet, er hat im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft, er hat das Leben vieler Schivelbeinerinnen und Schivelbeiner besser gemacht. Meine Tante Lisbeth war derselbe Jahrgang wie Eva Meyersohn, vielleicht sind sie sogar in dieselbe Schulklasse gegangen. Noch nie ist mir die Judenverfolgung in Deutschland persönlich so nah gekommen. Ich habe die Konzentrationslager in Auschwitz, Majdanek, Stutthof, Dachau und Bergen-Belsen besucht, war mehrmals in Yad Vashem, aber diese besondere Geschichte einer besonderen Familie ist mir näher gegangen und wird einen nachhaltigeren Eindruck bei mir hinterlassen als der Besuch historischer Orte und Museen. Ich musste diese Geschichte aufschreiben und dokumentieren. Nie wieder darf so etwas möglich sein. Und dafür dürfen wir die Shoah und das Leben und Sterben der Opfer nie vergessen.

Die umfangreichen Quellen zu diesem Beitrag finden Sie in Julia Henkes Blog.

6 Gedanken zu „Der jüdische Arzt von Schivelbein

  1. Gut recherchiert und sehr interessant. Respekt und vielen vielen Dank.

  2. Vielen Dank für den überaus interessanten Bericht über unsere jüdischen Schivelbeiner.
    Ich bin 1940 im Januar in Schivelbein geboren.
    Ihr Bericht berührt mich sehr.

    Klaus Klitzke

    • Vielen Dank! Ich hoffe, dass ich weitere Berichte folgen lassen kann. Die Recherche war aufwändig, aber für mich jede Stunde wert.

  3. O doktorze Meyersohnie wspominałem w swoich artykułach.Ale to jest wspaniale uzupełnienie.Postaram się te postać przybliżyć mieszkańcom Swidwina.

    • Dziękuję! Ihre Informationen waren für mich sehr wertvoll, vielleicht können wir noch mehr über die Familie Meyersohn und andere jüdische Mitbewohner von Schivelbein herausfinden.

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