Die Weihnacht beim Flüchtling

Ein Beitrag von Wolfram Stratmann

 

Nach dem zweiten Weltkrieg war die deutsche pommersche Bevölkerung auf abenteuerliche Weise in den Westen gelangt. Wenn man dort keine Verwandten hatte die einen freudig aufnahmen, dann lebte man noch jahrelang in prekären Verhältnissen. Aus einer solchen Umgebung stammt folgender Erfahrungsbericht aus einer Pommernfamilie:

Meine erste Weihnachtsfeier erinnere ich so. Trotz der eigentlich schlechten Zeit gab es auch in dieser Gegend Weihnachtsfeiern. Bei den noch ärmlich lebenden Flüchtlingen waren die dabei verteilten Geschenke nicht üppig, Socken und so was. In unserer Familie unterschied sich die Weihnachtszeit bisher nicht vom Alltagsleben. Dieses Mal ging Mutter mit mir zu einer Weihnachtsfeier. Vater hatte Mutter gedrängt mit mir hinzugehen. Sie wollte eigentlich nicht. Auf dem Hinweg meckerte Mutter vor sich hin. Ihr passte das nicht und ich hatte den Eindruck, als sei es ihr peinlich mit mir dorthin zu gehen. Während ihrer dunklen Vorahnungen meinte sie: „Alles sinnlos!“

Was geschah bei der Feier? Es war vermutlich eine Betriebs-Weihnachtsfeier am Arbeitsort von Vater. Man sprach dort englisch.

Was eine Weihnachtsfeier ist, wusste ich nicht. Man hatte versäumt, mir das zu erklären, und man hatte in unserer Familie, wenn überhaupt, für mich unmerklich Weihnachten gefeiert. Das rituelle Verteilen von Geschenken kannte ich gar nicht.

Diese Feier fand in einer Baracke statt.

Wir saßen alleine an einem kargen Holztisch, ohne Gedecke, aber in der Mitte eine Vase mit trockenen Tannenzweigen. Dann kam der Weihnachtsmann. Roter Mantel, weißer Rauschebart und Geschenksack.

Wir Kinder mussten auf der kleinen Bühne anstehen. Jedes Kind kam dran. Ich bekam eine Rute und war erschrocken und sehr enttäuscht.

Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

Dann griff der Weihnachtsmann nochmal in den Sack und ich bekam ein silbernes Flugzeug. Mit vier Motoren. Vor Freude fiel ich fast um. An sowas Tolles hatte ich nicht gedacht. Mein schönstes Geschenk. Stolz ging ich zu Mutter an den Tisch. Dabei ließ ich das Flugzeug mit meinem Arm fliegen. „Brummmm.“

Mutter guckte ungläubig. Am Tisch hielt ich das Flugzeug hoch und betrachtete es stolz. Mutter ging wortlos weg und kam gleich darauf wieder. Sie nahm mir das Flugzeug aus der Hand. „Das solltest du nicht kriegen, der andere Junge weint jetzt. Ich gebe ihm das zurück.“

Noch war ich stumm vor Schreck. Als sie zurückkam, gab sie mir das für mich vorgesehene Geschenk, einen Lappen.

Nun weinte ich.

Wohl zu laut. Mutter befahl sofort: „Sei still und benimm dich!“ Sie half mir mit Ohrfeigen.

Sofort hörte ich wohl nicht auf zu weinen. Meine Enttäuschung war zu groß. Dann betrachtete ich meinen Geschenklappen und beruhigte mich. War ja klar, dass ich nichts Schönes geschenkt bekam.

Mutter fügte meinen fatalistischen Gedanken verbal hinzu: „Das ist dein Geschenk, was Besseres kriegst du nicht. Finde dich damit ab!“

Es mag sein, dass die englischsprachigen Eltern mit dem enttäuscht weinenden fremden Jungen Mitleid hatten und mir auch so ein Flugzeug zukommen lassen wollten. Nun wollte ich aber keines mehr, weil ich glaubte, dann nochmal enttäuscht zu werden.

Mutter verließ mit mir kurz nach diesem Geschenkunfall die Feier und beschimpfte mich: „Mit dir kann man nirgendwo hingehen. Du kannst dich einfach nicht benehmen. Ich wollte da von Anfang an nicht hin. Ich gehe mit dir nie mehr irgendwo hin!“ Für Mutter waren Vater und ich an dem Desaster schuld. Auf die Idee, mich zu trösten, kam sie nicht, schließlich hatte ich sie blamiert.

Auf dem Rückweg stolperte ich geknickt neben ihr her, deshalb gab es vermutlich keine weiteren Ohrfeigen.

Damals und dort gaben die Eltern dem Weihnachtsmann die Geschenke zum Verteilen. Der Mann musste dem richtigen Kind das vorgesehene Geschenk überreichen. Aus heutigem Blickwinkel lässt sich sagen, ob er nach dem Aushändigen der Rute soviel Mitleid mit dem traurig erschreckten Kind hatte, dass er reflexartig wieder in den Geschenksack griff, oder ob die Geschenkverwechslung einfach der Super-GAU für eine Weihnachtsbescherung war, bleibt unbekannt. Bei einer Massenbescherung kann so was vorkommen. Allerdings tröstet man dann das enttäuschte Kind. Mutter war dazu nicht in der Lage. Ihr Trost war Prügel bis zum Verstummen des Kindes –„nur ein ruhiges Kind ist ein gutes Kind“.

Es war für fast ein weiteres Jahrzehnt dann auch meine letzte Weihnachtsfeier.

Die Rohheiten aus der Kriegszeit waren noch nicht überwunden. Mein erstes richtiges Weihnachten verbrachte ich in der Studienzeit mit Kommilitonen. Das hatte auch wieder einen Haken, wir waren alle der Auffassung, dass demonstrativer Konsumverzicht zum Konsumfest Weihnachten nachhaltiger sei. So kann man sich selbst im Wege stehen. Das der Weihnachtsmann eigentlich die Werbefigur eines Kaltgetränke-Herstellers war merkte ich erst später. Die in den Medien beschworene sogenannte Weihnachtsromantik erschloss sich mir nie.

4 Gedanken zu „Die Weihnacht beim Flüchtling

  1. Hallo Wolfram,
    das herzlose Verhalten deiner Mutter hat mich wirklich erschüttert. Natürlich hat diese Generation viel Schreckliches erlebt, was aber kein Grund für solche Rohheit gegenüber dem eigenen kleinen Kind sein kann. Da fehlt es einfach an Liebe und Verständnis für die Gefühle eines Kindes. Solche Erfahrungen sind prägend im Leben und negativ für die Eltern-Kind-Beziehung (sagt der Sozialpädagoge).
    Gruß Norbert

  2. Lieber Wolfram, ich bin erst 1961 geboren, mein Vater stammte aus Kreis Stolpe. Aber die Art deiner Mutter war meine. Auch mir erging es nicht viel anders. Ich drück dich mal unbekannterweise. Herzenswärme gab es nicht. Sie hatten zuviel erlebt, denke ich heute.

  3. Ich erinnere mich an eine Weihnachtsfeier pommerscher Flüchtlinge in Salzgitter Salder um 1950. Ich war damals 5 Jahre alt.
    Vom Gutshof in Oelber am weißen Wege fuhr ein Trecker mit Planwagen nach Salder. Noch heute erinnere ich mich an das Weihnachtsgeschenk, eine Tüte mit Nüssen, Schokoladenplätzchen und einer Apfelsine. Das war meine erste Apfelsine, den Duft habe ich noch heute im Gedächtnis.

  4. Lieber Wolfram,
    man möchte Dich im nachhinein zum Trost in den Arm nehmen!
    Durch Deinen Bericht kommt mir meine Kindheit wieder in Erinnerung.
    Reichtümer hatten wir als Flüchtlinge aus Stargard in Pommern auch nicht.
    Aber ich habe zu jedem Geburtstag oder Weihnachten ein Geschenk bekommen. Vor allem habe ich immer die Herzenswärme meiner Eltern
    gespürt, auch wenn’s mal was auf den Hosenboden gab.

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