Flucht in den Westen vor 60 Jahren

Ein Beitrag von Norbert Lorenz

 

Offiziell sollte die Reise mit dem Zug am Tag vor Weihnachten 1960 von Grimmen in Vorpommern über Berlin zu den Verwandten nach Thüringen gehen. Aber der Plan unserer Eltern war ein anderer. Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen, Schikanen und Verhöre von Stasi und Polizei, Bespitzelung im Umfeld usw. Das alles ließ letztendlich den Plan reifen, die Heimat zu verlassen und gleichzeitig den Weg in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Von all dem sollte ich als 7-jähriger natürlich nichts mitbekommen, um die Fluchtpläne nicht zu gefährden. Denn die Geheimhaltung der als illegal und unter hoher Strafe stehenden „Republikflucht“ war oberstes Gebot.

Schon Wochen vorher wurden Vorbereitungen getroffen. In Abständen sind Pakete zu den Verwandten in den Westen verschickt worden, um für den Neubeginn erst einmal mit dem allernotwendigsten versorgt zu sein. Denn beim Überqueren der Sektorengrenze in Berlin durfte man nicht auffallen und kein großes Gepäck bei sich haben. Der Zeitpunkt an Weihnachten zu flüchten schien aus Sicht der Eltern ideal zu sein. Urlaub und Ferien der Kinder, dazu Reisen zu Verwandten über die Feiertage, sind erst einmal unverfänglich wenn man Gefahr läuft kontrolliert zu werden.

Und wir waren nicht die einzigen, die so dachten und diese Gelegenheit zur Flucht nutzten. Es müssen wohl mehrere Tausend in diesen Tagen gewesen sein, die den Weg zum Notaufnahmelager Marienfelde gegangen sind. Zu unserer Überraschung trafen wir im Lager auch einen Cousin meines Vaters aus Grimmen, der mit seiner Familie ebenfalls geflüchtet war. Keiner wusste natürlich etwas von den Fluchtplänen des anderen.

Flüchtlingslager Marienfelde, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P060458 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

In seinen Lebenserinnerungen schreibt mein Vater über den 24.12 1960:  „Von Amerikanern wurden wir alle zu einer Weihnachtsfeier am Abend eingeladen. Die Kinder bekamen viel Schokolade, die Frauen Pralinen und ich 24 amerikanische Zigaretten. Ein amerikanischer Soldatenchor sang Weihnachtslieder. Es war mein schönstes Weihnachten seit 1945.“ Trotz der unbeschreiblichen Zustände in dem völlig überfüllten Aufnahmelager, schlechten hygienischen Verhältnissen, lange Warteschlangen vor der Essenausgabe usw. war man erleichtert, es in den Westteil von Berlin geschafft zu haben. Die Angst vor Bespitzelung und möglicher Entführung von uns Kindern blieb, denn solche Geschichten kursierten damals.

In den folgenden Tagen mussten umfangreiche Aufnahmeformalitäten erledigt werden. Erst am Schluss des Verfahrens wurde für die Flüchtlinge der Flug nach Westdeutschland organisiert. So kamen wir am 09.01.1961 mit einem Propellerflugzeug der PANAM in Frankfurt/Main an. Beim Ausstieg aus dem Flugzeug wurden wir von einem Fotografen aufgenommen. Dieses Foto erinnert uns bis heute an unsere Flucht aus der DDR und symbolisiert quasi unseren Neuanfang im freien Teil Deutschlands. Schon ein halbes Jahr später war bekanntlich der Fluchtweg durch den Bau der Berliner Mauer abgeschnitten.

Ankunft der Familie Lorenz in Frankfurt/Main am 9. Januar 1961, Foto: privat

Nun kamen wir unserem Ziel Reutlingen immer näher. Dort warteten schon meine Großmutter und weitere Verwandte auf uns. Aber zunächst folgten noch weitere Aufenthalte im Landesdurchgangslager Rastatt und bald darauf im tief verschneiten Barackenlager St. Johann auf der Schwäbischen Alb. Die Eltern fanden beide sehr schnell Arbeit in der Stadt und deshalb konnten wir auch bald in einem sogenannten Übergangswohnheim in Reutlingen unterkommen. Ein großes Glücksgefühl verspüre ich noch heute, als wir endlich im Herbst 1961 aus den beengten Verhältnissen im Lager in eine neu erbaute 4-Zimmer-Wohnung einziehen konnten.

Meine ältere Schwester und ich besuchten die Schule. In der Anfangszeit wurden wir als Flüchtlinge von den Einheimischen gemieden. Es fiel es uns schwer den schwäbischen Dialekt zu verstehen geschweige denn zu sprechen. Mit der Zeit wurde man aber als „Reingeschmeckter“ akzeptiert und wir fanden viele Freunde. Vor allem weil in unserem neuen Wohnumfeld, einer Neubausiedlung am Stadtrand, überwiegend Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten untergekommen sind.

Diese eigene Erfahrung von Flucht, Heimatverlust, Zukunftsangst, Neubeginn hat mich sicher stark geprägt und ein Leben lang begleitet. Die Nachrichten über die Fluchtbewegungen unserer Zeit stimmen mich immer sehr traurig, wenn ich an das Schicksal dieser Menschen vor allem der Kinder denke.

 

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