Der Greifenstuhl

Ein Beitrag von Doris Lente

 

Von meiner Mutter Elisabeth Uecker geb. Gaulke haben wir einen sehr aufwendig geschnitzten Stuhl mit dem Vogel Greif als Motiv geerbt.

Meine Mutter wurde in Garrin Kreis Kolberg am 22.04.1927 als einzige Tochter von Paul und Emma Gaulke geboren. Den Stuhl hat sie von einer kinderlosen Tante väterlicherseits, Frau Frida Schulze geb. Gaulke aus Semmerow geschenkt bekommen. Frida Schulze geb. Gaulke war Kreisbäuerin in Semmerow und hatte einen für die damalige Zeit vorbildlich geführten Bauernhof, stets ausgestattet mit den fortschrittlichsten Neuerungen im Bereich der Land- und Viehwirtschaft. Sie und ihr Ehemann gehörten zu den einflussreichen Bauern, die sich solche Stühle bestimmt leisten konnten. Es entzieht sich aber leider meiner Kenntnis, wer den Stuhl gearbeitet hat und wie er in den Besitz dieser Tante Frida kam.

Es ist mir auch ein Rätsel, wie solch ein Stuhl bei der Vertreibung aus Ostpommern mitgenommen werden konnte. Leider haben wir unsere Mutter nie nach Details über die Herkunft dieses Stuhles befragt.

Wir haben vermutet, dass es ein Kirchenstuhl oder ein Stuhl des Bürgermeisters von Garrin oder Semmerow war. In Garrin gab es einen Bürgermeister Schulze. Inwieweit der mit dem Ehemann von der Tante Frida Schulze verwandt war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Was etwas verwundert, ist die Tatsache, dass der Stuhl sehr massiv aussieht, aber trotzdem gar nicht so extrem schwer ist. Eine Prägung oder irgendwelche eingravierten Initialen sind nicht vorhanden. Wir haben den Stuhl sehr genau angeschaut.

Aber sowohl Herr Dr. Uwe Schröder vom pommerschen Landesmuseum Greifswald, noch die Ansprechpartnerin für Stadt und Kreis Kolberg Frau Martina Riesener haben einen Kirchenstuhl ausgeschlossen.

Die Ausführungen von Frau Riesener hier im Detail:

“Hergestellt/geschnitzt worden sein kann der Stuhl auch in Kolberg. Wir hatten sowohl künstlerisch arbeitende Holzbildhauer als auch Holzdrechsler in der Stadt. Solange aber nicht abgeklärt ist, ob das Teil authentisch oder lediglich historisch nachempfunden ist, sind hier weitere Recherchen wenig sinnvoll.

Als einen Kirchenstuhl sehe ich diesen Stuhl eigentlich nicht – die Greif Schnitzerei hätte ich eher “weltlich” eingeordnet  – so also einem städtischen Rathaus (Bürgermeister), den Ratsherren, oder einem Rittergut zugeschrieben, sofern er denn tatsächlich alt ist.

Nun habe ich mir gerade alte Vorkriegs-Aufnahmen vom Kolberger Bürgermeisterzimmer sowie dem Mariendom in Kolberg angesehen, alles mit wesentlich weniger prunkvollen Sitzgelegenheiten ausgestattet.

Die ev. Garriner Kirche (auch da gerade ein Innenraum-Foto betrachtet) war – wie auch andere Dorfkirchen – angenehm schlicht gestaltet, auch da ist kein solcher Stuhl zu sehen. Möglich wäre natürlich, dass dieser Stuhl früher zu einem Rittergutsbesitzer gehörte und irgendwie auf einen bäuerlichen Hof gelangte.

Nur ergänzend:
1929 gab es lt. Adressbuch Semmerow einen Eigentümer Hermann GAU(H)LKE mit 30 Morgen Land, der im Adressbuch von 1937 als Altsitzer genannt wird. Als Landwirt wird nun Willi GAULKE genannt. Ein Bauer GAULKE wird weder 1929 noch 1937 in den Adressbüchern von Semmerow erwähnt.”

Mehr wissen meine drei Schwestern und ich leider nicht über den Stuhl. Umso mehr würden wir uns freuen, wenn durch diesen Blogbeitrag neue Erkenntnisse über diesen wunderbaren Stuhl ans Tageslicht gebracht würden.

 

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