Wiedereinweihung des Kriegerdenkmals in Sydow

Der folgende Beitrag von Dr. Jürgen Lux wurde für  das “Rummelsburger Land”, die Mitteilungen des Heimatkreises Rummelsburg in Pommern, geschrieben und dort im Heft 3/2014 veröffentlicht. Wir danken für die Genehmigung zur online-Veröffentlichung.

Wiedereinweihung des Kriegerdenkmals und Stiftung zweier Kirchenfenster mit den Wappen der früheren Patrone in Sydow

Von Jürgen Lux
Im Westen unmittelbar angrenzend an den Papenzinsee und damit in enger Nachbarschaft zum Kreis Rummelsburg, befindet sich die ehemalige Landgemeinde Sydow. Es bestanden vor dem Krieg vielfache geschäftliche und familiäre Beziehungen zwischen den Bewohnern der Landgemeinde Selberg B im westlichen Kreis Rummelsburg und den Bewohnern des nur 5 km entfernten Kirchdorfes Sydow im Süden des Kreises Schlawe, der damals auch Bahnanschluss hatte. Ende des 16. Jh. und im ersten Drittel des 17. Jh. besaß die Familie v. Lettow Teile des Gutes Sydow. Amalie v. Lettow aus dem Hause Groß Reetz, geboren am 1.8.1798 in Pritzig als Tochter des Karl Ernst Ludwig v. Lettow (1748-1826) und der Anna Charlotte Amalie v. Lettow, geb. v. Rehbinder (1770-1857) heiratete zu Ostern 1827 in der Pritziger Kirche den königlich-preußischen Leutnant Ferdinand Wilhelm v. Woedtke, Herr auf Sydow B.
Wer von Pollnow kommend, am Ortseingang von Sydow mit dem Auto die Linkskurve passiert, der kommt an dem alten deutschen Kriegerdenkmal
für die Gefallenen des 1. Weltkrieges vorbei. Bereits 1945 oder kurz
danach wurde der preußische Adler entfernt und die deutsche Inschrift
mit einem polnischen Text zubetoniert. Niemand hat es gewagt, diese „Umgestaltung“ anzutasten, bis weit nach 1990.

Dorfkriche Sydow

Die im Jahre 2011 restaurierte Sydower Dorfkirche, von
Süden. Foto: Jürgen Lux, Mai 2014

In dieser Zeit aber erkannten vernünftige Historiker in Polen, dass Gefallenendenkmäler des ersten Weltkrieges das gemeinsame Leiden deutscher und polnischer Soldaten des 1. WK beschrieben und beklagten, die damals im Mehrvölkerstaat des deutschen Kaiserreiches lebten und gemeinsam kämpften. Mehrfache Anläufe und Bemühungen des Autors, die Gedenkanlage nach historischem Vorbild zu rekonstruieren, blieben zunächst ohne Resonanz. Frischer Wind wehte erst, als in Sydow ein Wechsel des Pfarrers stattfand. Bei den Gesprächen mit dem Sydower Pfarrer wurde das Thema Kriegerdenkmal wiederholt erörtert. Seit Herbst 2012 liefen dann die Vorbereitungen für die Umgestaltung der Gedenkanlage vor der Sydower Dorfkirche. Pfarrer Karczmarczyk stimmte einer Restaurierung zu, wenn die jetzige polnisch-sprachige Tafel an anderer Stelle an einem neu zu errichtenden Gedenkstein
angebracht werden kann. Dieser Vorschlag wurde aufgegriffen und umgesetzt. Finanziert wurde das Projekt zu 100% von deutscher Seite durch Spenden der ehemaligen Sydower. Die Mitglieder der Kirchengemeinde stimmten einer Restaurierung und Umgestaltung alsbald zu.
Ausgeführt wurde das Projekt vom Kösliner Bildhauer Zygmunt Wujek. Die im Jahre 2011 restaurierte Kirche hatte auch neue Fenster erhalten. Idee war es, diese mit buntem Glas und biblischen Motiven zu schmücken. Vorbild dafür waren zwei Fenster in der früheren Trauungskirche Otto von Bismarcks in Altkolziglow im früheren Kreis Rummelsburg.  Diese wurden von der Patronatsfamilie von Puttkamer gestiftet und sind den beiden Evangelisten
Petrus und Paulus gewidmet. Nachdem die Familien v. Woedtke und v. Lettow-Vorbeck von der Idee erfuhren, stifteten diese mit großer Freude je ein Kirchenfenster. Diese sind den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes gewidmet und zeigen im unteren Teil die Familienwappen der Stifterfamilien und früheren Patrone. Die Ausführungen stammen vom Kösliner Meister des Glasfensterbaus Krzysztof Mazurkiewicz.


Die angereisten Sydower und deren Familienangehörige waren in unterschiedlichen Unterkünften in Sydow, Pollnow, Plötzig und Krangen untergebracht. Für die ehemaligen Sydower und deren Angehörige sollte die Gelegenheit geboten werden, sich kennenzulernen. Als Treffpunkt ausgewählt wurde dafür das Hotel „Palac Plocko“ in Plötzig im ehemaligen Kreis Rummelsburg, weil es für die Sydower und die Freunde Sydows genügend Platz bot. Um 13 Uhr fand ein gemeinsames Mittagessen statt, Jürgen Lux begrüßte alle Teilnehmer und stimmte sie auf die spätere Einweihungsfeier in Sydow ein.

Danach wurde Roman Pawlowski (Pollnow) aus den Händen des  Ehrenvorsitzenden des Heimatkreises Rummelsburg Hans-Ulrich Kuchenbäcker für seine wertvollen Verdienste um die Weitergabe des geschichtlichen pommerschen Erbes an die heute hier wohnhaften polnischen Bewohner, die silberne Ehrennadel der pommerschen Landsmannschaft verliehen. Anschließend ließ es sich Ulli Kuchenbäcker nicht nehmen, den Sydowern eine
Besonderheit der Geschichte des Heimatkreises Rummelsburg zu zeigen.

Palac Plocko

Plötziger Hotel „Palac Plocko“, das frühere Gutshaus. Foto: Jürgen Lux, August 2013

Auf dem Gelände des Hotels wurde inzwischen die historische Quelle restauriert, aus der in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Greifensteiner Mineralwasser“ (genannt auch „Püstower“) abgefüllt wurde. Ein Spaziergang zur Quelle und Erklärungen aus dem Munde des besten Kenners der Geschichte des Rummelsburger Landes begeisterten die Teilnehmer.
Nach weiteren Gesprächen bei Kaffee und Kuchen fuhr die Autokolonne gegen 16 Uhr in Richtung Sydow ab.

Bischof Cieslik

Bischof Cieslik aus Köslin weiht das Kriegerdenkmal neu
ein. Foto: Jürgen Lux, Mai 2014

Der 14. Mai 2014 war für den Ort Sydow ein großer Tag. Um 17 Uhr fand in der dortigen Dorfkirche ein Festgottesdienst statt, gehalten vom Kösliner Bischof
Cieslik und dem Pfarrer der Kirchengemeinde Sydow Karczmarczyk. Anwesend war auch Dekan Roman Sledz aus Pollnow. Bischof Cieslik spricht sehr gut deutsch und übersetzte mehrere Passagen der Predigt und der Liturgie für die anwesenden 30 deutschen Gottesdienstteilnehmer, darunter 13 in Sydow oder Breitenberg Geborenen der Jahrgänge 1926 bis 1943. Als Vertreter der ehemaligen Patronatsfamilien waren bei der Einweihung anwesend Herr Eric v. Woedtke mit Frau und Enkel, seine Schwester Erdmute Tanke, geb. v. Woedtke und Herr Rüdiger v. Lettow-Vorbeck, Sohn des im Jahre 1999 verstorbenen Gert v. Lettow-Vorbeck auf Groß Reetz im ehemaligen Kreis Rummelsburg. Außer der Einweihung der beiden neuen Kirchenfenster fand im Rahmen des feierlichen Gottesdienstes in der neu renovierten Dorfkirche auch die Doppeleinweihung der beiden Gedenksteine statt. An dem Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges war eine polnisch-sprachige Tafel angebracht, die entfernt und auf einem neuen Gedenkstein angebracht wurde, der nur ein Stück weiter aufgestellt worden war. Die Inschrift lautet: „Zu Ehren der Helden, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus gestorben sind°. Dort, wo sich die Tafel befand, wurde die alte Inschrift des Kriegerdenkmals freigelegt: „Unseren gefallenen Helden 1914 bis 1918.“ Die Einweihung bzw. Wiedereinweihung wurde vom Kösliner Bischof Cieslik zusammen mit dem Pfarrer von Sydow vorgenommen.

Gedenkstein

Die beiden Gedenksteine vor der Sydower Kirche.

Gedenkstein2

Fotos: Jan Kornas, Mai 2014

 















Nach dem Gottesdienst lud der Sydower Pfarrer alle Gottesdienstteilnehmer zu sich zu einem Gartenfest ein. Hier hatten der Bischof, die teilnehmenden Geistlichen, die Angehörigen der ehemaligen  Patronatsfamilien, die heutigen und ehemaligen Sydower Einwohner und die Freunde Sydows Gelegenheit, sich näher kennenzulernen.
100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs und 69 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs sind sich die heutigen polnischen Einwohner und die aus ihrer Heimat Vertriebenen in Sydow erstmals auch außerhalb eines Gottesdienstes ohne Misstrauen begegnet. Erfreulich zu beobachten war, dass alle in einem gemeinsamen Europa der Regionen angekommen sind. Das nächste
Projekt in Sydow ist bereits in Planung: die Einrichtung einer Gedenkstätte mit Lapidarium auf dem Friedhof auf dem Sandberg, Vorbereitungen dazu sind bereits im Gange.