Der handschriftliche Lebenslauf von Robert Franz Wilhelm Gerbrecht aus dem August 1934

Ein Gastbeitrag von Peter Gerbrecht

 

In memoriam Familie Robert Gerbrecht (Photographie von Louis Klett, Breitestraße 59, Stettin, Ostern 1939)

Vorbemerkungen

Dieser zweite Beitrag im Rahmen meiner Familienforschung macht den Versuch, das Leben unseres seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollenen Großvaters Robert Franz Wilhelm Gerbrecht nachzuzeichnen. Ausgangspunkt dieser Recherche ist dessen im Zuge einer Stellenbewerbung von Mitte August des Jahres 1934 handgeschriebener Lebenslauf ‒ ein aufschlussreiches und mit diversen Privatinformationen versehenes Zeitdokument des damals 25-Jährigen.[1]

Gegenüber standardisierten Formularen, wie im Falle von Personenstandsurkunden, bietet der frei verfasste Lebenslauf nicht nur eine umfassende Chronologie familiärer und ausbildungsbezogener Ereignisse, sondern er gewährt auch gewisse Einblicke in die Persönlichkeit des Autors. So kommt durch die Erwähnung oder Auslassung bestimmter biographischer Daten deren subjektive Bedeutung zum Vorschein, mitunter werden aber auch frappante zeitliche Zusammenhänge erkennbar und fällt manches individuelle Muster oder Stereotyp in den Formulierungsweisen auf.

Ästhetisch betrachtet stellt die in feinstem Sütterlin verfasste Handschrift ein kleines Kunstwerk dar, sie ist aber auch eine Herausforderung für alle, die nicht in der Lektüre und Dechiffrierung dieser veralteten Schreibschrift mit ihrer schroffen Schönheit geübt sind. Neben einer Umschrift, die im Mittelpunkt dieses Beitrags steht und durch Fußnoten umfangreich kommentiert wird, habe ich das originale Manuskript im Anhang als Bilddatei beigefügt. Zur Veranschaulichung und präziseren Einordnung der vom Autor gemachten Angaben sind auch einige weitere Schriftdokumente und Photographien aus jener Zeit herangezogen worden. Ein ausführlicher Blick auf die Geschichte der Familiengründung unseres Großvaters und die Zeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sowie ein kurzes Quellenverzeichnis runden diese Arbeit ab.

Peter Gerbrecht, im November 2019

Der handschriftliche Lebenslauf von Robert Franz Wilhelm Gerbrecht aus dem August 1934 (Umschrift)[2]

Mein Lebenslauf. 

Am 28. November 1908 wurde ich als letztes Kind des Ofensetzers Wilhelm Gerbrecht und seiner Ehefrau Emma gebor. Mulchin in Altdamm geboren.[3] Im dritten Lebensjahr erkrankte ich schwer und verlor bei einem schweren Keuchhustenanfall mein linkes Auge.[4] Ich wurde wieder gesund, wurde Ostern 1915 der Volksschule Altdamm zugeführt, welche Schule ich auch bis zur Beendigung meiner Schulpflicht in Klasse II besuchte.[5] Da sich nicht sofort eine geeignete Lehrstelle für mich fand, beschäftigte mich mein Vater ein Jahr lang in seinem eigenen Geschäft.[6] 1924 trat ich dann bei der Ostsee-Holzindustrie als kaufmännischer Lehrling ein, mußte jedoch im Februar 1927 diese Lehre aufgeben, da ich als Lehrling nicht bei den zuständigen Stellen angemeldet worden war.[7] Da ich schon lange große Lust zum Maurerhandwerk hatte, trat ich dann am 2. Mai 1927 bei dem Herrn Architekten Wilhelm Westphal, Stettin[,] als Maurerlehrling ein.[8] Während meiner dreijährigen Lehrzeit besuchte ich die Fachschule II Stettin. 1930 legte ich vor der Innung der Baugewerke Stettin meine Gesellenprüfung ab und bestand dieselbe mit „gut“. Außerdem erhi[e]lt ich für sehr gute Arbeit das Diplom der Innung.[9] Da ich aber nach einer gehobenen Stellung strebte, meldete ich mich zur weiteren Ausbildung bei der Höh. Techn. Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau, Stettin[,] an[10]. Ich besuchte diese Anstalt in den Winterhalbjahren 1930; 31; 32 und den beiden Halbjahren 1933 bis Sommer 1934. In den Sommerhalbjahren habe ich bis 1932 praktisch als Maurer gearbeitet.[11] Da sich mir die Gelegenheit bot, machte ich mich im Frühjahr 1932 selbständig.[12] Hierdurch bin ich mit allen vorkommenden Arbeiten vertraut geworden. Im Winter 1933 habe ich mein Geschäft aufgegeben, da ich die Schule absolvieren wollte. Weihnachten 1933 verheiratete ich mich mit der einzigen Tochter des Installationsmeisters Herrn Emil Pettasch und seiner Ehefrau Marie geborene Schiller.[13] Am 14. Mai 1934 wurde uns ein Söhnchen geboren.[14] Nun habe ich meine Studienzeit beendet. Am 15. August 1934 habe ich vor dem Staatl. Prüfungs-Ausschuß der Höh. Technischen Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau Stettin meine Reifeprüfung mit dem Prädikat „gut bestanden“ abgelegt.[15] Trotzdem ich mein linkes Auge verloren habe, wirkt sich mein Mißgeschick beruflich in keiner Weise aus, nur daß ich mich wehrpolitisch nicht beteiligen kann.[16] Da es nun mein größter Wunsch ist[,] meiner Familie recht bald eine sichere Existen[z] zu bieten, gestatte ich mir meine Bewerbung.[17]

Robert Gerbrecht
Hochbautechniker u. Architekt.
Stettin. Kattowitzerstr. 29. 

 

Nur ein kurzes Familienglück im Dritten Reich: Robert, Emmi und „Peterle“ zwischen Stettin und dem Warthegau 

Robert Gerbrecht gibt in seinem Lebenslauf einen Überblick über alle schulischen und beruflichen Stationen bis zum 15. August 1934. Er steht in diesem Moment dreieinhalb Monate vor seinem 26. Geburtstag. Aus dem Privatleben erfahren wir naturgemäß nur die im Zusammenhang mit einer Stellenbewerbung relevanten Informationen. So erwähnt er die Namen seiner Eltern und Schwiegereltern, den Beruf des Vaters, die Stellung in der Geschwisterreihe, die Episode der linksseitigen Erblindung sowie seine Hochzeit und die Geburt des Sohnes.

Durch die Kenntnis der Verwandtschaftsverhältnisse und der Angaben in den Adressbüchern von Stettin zu Wohnsitzen und Berufen wird plausibel, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach zu der Bekanntschaft mit Roberts späterer Frau Emma Juliane Pettasch kam. Aus einem Briefwechsel von 1942 geht zudem klar hervor, dass sich beide im Mai 1927 kennen gelernt hatten.[18] Der damals 18-jährige Robert und die 15-jährige „Emmi“ stammten beide aus Handwerkerfamilien und lebten seit 1926 in Stettin-Braunsfelde in unmittelbarer Nachbarschaft (vgl. Anhang, Abb. 2).

Emmi war nach dem Tode ihres Bruders Fritz, der am 14. Juni 1923 im Alter von erst 15 Jahren an Tuberkulose („Schwindsucht”) verstorben war, das einzige Kind der Familie. Ihr Vater war der 1884 geborene Gasinstallationsmeister Gustav Emil Pettasch. Er stammte ursprünglich aus Zittau im Erzgebirge und fand nach seiner bestandenen Gesellenprüfung vor der „Klempner-Innung Dresden“ eine dauerhafte Arbeit bei den städtischen Gaswerken in Darmstadt, wo er von Februar 1906 bis Juli 1918 angestellt war. Hier lernte er wohl auch das 1887 in Bessungen ‒ seit 1. April 1888 ein Teil Darmstadts ‒ geborene „Laufmädchen“ (sic!) Maria Rosa Schiller kennen. Die beiden heirateten am 21. September 1907 in Darmstadt und brachten hier drei Kinder zur Welt, von denen das jüngste, Tochter Marie Helene, 22 Tage nach seiner Geburt am 6. Juli 1917 starb. Die Familie zog ein Jahr später ins schlesische Breslau, wo Pettasch im Mai 1919 seine Meisterprüfung ablegte. Kurz darauf war er im 80 Kilometer entfernten Altwasser, einem Stadtteil im niederschlesischen Waldenburg (polnisch Wałbrzych), als selbständiger Installationsmeister erneut für die öffentliche Gasversorgung zuständig. Hier musste das Paar 1923 auch seinen Sohn Fritz beerdigen, und so war Tochter Emmi mit ihren elf Jahren das letzte verbliebene Kind der Familie.

Im Jahre 1925 zogen die Pettaschs ein weiteres Mal um. Vater Gustav Emil erhielt in Stettin eine sichere Anstellung bei der „Städtische Werke A.-G.“, dem öffentlichen Gas- und Wasserversorger der Stadt. Von seinem Dienstsitz in der Geschäftsstelle II aus war er für „Gasstörungs- und Wasserschädenmeldungen sowie Neuanschlüsse“ und Inspektionen zuständig, wie das Adressbuch für Stettin und Umgebung von 1926 auf S. 697 belegt:

Eine erste Wohnung hatte man demnach im Liebigweg 5, erstes Stockwerk, im nördlich gelegenen Stettin-Zabelsdorf gefunden (ebd.):

Doch schon im darauffolgenden Jahr zog die Familie ins bessere Viertel Braunsfelde ‒ die mit Beginn der Jahrhundertwende aus dem Boden gestampfte und jenseits des Eisenbahnringes gelegene „Villenkolonie“ am Westrand Stettins, in der sich zahlreiche, meist zweigeschossige Einfamilienhäuser aneinander reihten. Offensichtlich verdiente Meister Pettasch auch recht gut, denn 1926 bewohnte er das Häuschen in der Clarastraße 29 nicht nur, sondern er erwarb es auch, wie im Stettiner Adreßbuch von 1927 auf S. 277 ersichtlich ist (E. = Eigentümer):

Zu dieser Zeit war der (fast) 18-jährige kaufmännische Lehrling Robert Gerbrecht bei der Ostsee-Holzindustrie im Werk Stettin beschäftigt und sollte dort noch bis Februar 1927 bleiben. Vermutlich war er seinerzeit schon bei seinem Schwager untergekommen, der ja 1926 ebenfalls ins angesagte Viertel Braunsfelde zog, nachdem Westphal in der Lothringer Straße ein Haus gebaut hatte, in dem es genügend Platz für die größer werdende Familie gab und er auch sein Baugeschäft betreiben konnte, wie einst im Branchenverzeichnis zu lesen war[19]:

Damit waren die örtlichen Voraussetzungen gegeben, dass sich Robert und Emmi eines Tages über den Weg laufen würden, was tatsächlich auch am 12. Mai 1927 geschah, nachdem Robert nur zehn Tage zuvor seine dreijährige Maurerlehre bei Westphal begonnen hatte.[20] Auch Roberts und Wallys Eltern, mittlerweile 64 und 62 Jahre alt, sowie die unverheiratete, ca. 25-jährige Tochter Margarete sind in dieser Zeit nachweislich aus Altdamm in den Neubau an der Lothringer Straße eingezogen, wo es mittlerweile wie in einem Taubenschlag zugegangen sein muss. Parallel zur Lehre besuchte Robert zwei Jahre lang die „Städtische Gewerbliche Berufsschule (Fachschule 2)“, die er am 23. April 1929 mit durchweg guten Leistungen beendete. Nur ein Jahr später verstarb sein Vater Wilhelm im Alter von 67 Jahren am 30. April 1930 „nachmittags um vier ein halb Uhr“[21]  ‒ also zwei Tage bevor Robert seine Lehre am 2. Mai abschließen würde. Die dazugehörige Gesellenprüfung bestand er am darauffolgenden 15. Juli mit „gut“.

Die Lothringer Straße zählte 1930 insgesamt 25 Hausnummern, aber nur sechs von ihnen waren tatsächlich bewohnt. Alle dazwischen liegenden Grundstücke waren Brachen oder befanden sich noch im Zustand einer Baustelle, wie auch das von nebenan mit der Nummer 21 (Ecke Posener Straße), das Westphal ebenfalls gehörte und ihm bis Anfang der 1940er Jahre als „Lagerplatz“ diente.

Da Robert Gerbrecht ambitioniert war und, wie er selbst angibt, „nach einer gehobenen Stellung“ strebte, schrieb er sich noch im selben Jahr als Student der Hochbauabteilung an der „Staatlichen Baugewerkschule Stettin“ ein und arbeitete in den Sommerhalbjahren bis 1932 als Maurer bei seinem Vorbild und ehemaligen Lehrmeister. Es schien nun der Moment der Loslösung gekommen zu sein und ins Haus seines künftigen Schwiegervaters einzuziehen ‒ schließlich hatte auch seine inzwischen 29-jährige Schwester Margarete am 22. Mai 1931 standesgemäß geheiratet und war mit ihrem Mann, dem Maurer Gustav Otto Albert Krämer, nach Berlin verzogen. Und selbst die verwitwete Mutter Emma Gerbrecht entschied sich im Verlaufe des Jahres 1932 offenbar, Stettin noch einmal zu verlassen und zurück nach Altdamm zu gehen ‒ genauer gesagt in die Breite Str. 8, das Haus ihrer zweitältesten Tochter Hedwig, die seit 1925 mit dem Maurer und ehemaligen Nachbarsjungen Walter Karl Wilhelm Welkerling verheiratet war.

Im Frühjahr des Jahres 1932 lebte Robert schon in der Clarastr. 29 und eröffnete im Elternhaus seiner Verlobten ein eigenes Baugeschäft, das er in den Sommerhalbjahren 1932 und 1933 betrieb. Noch im Herbst 1933 sahen sich Robert und Emmi dann wohl genötigt, ihre Liebesbeziehung zu legitimieren, zumal Emmi seit dem 21. Februar volljährig war und keines Vormundes mehr bedurfte.[22] Die standesamtliche Trauung fand am 22. Dezember in Stettin statt, wovon mit Ausnahme der Hochzeitsurkunde, laut derer Emmis Vater und Roberts Bruder Gustav als Trauzeugen benannt waren, nicht viel überliefert ist. Nur ein einziges, noch dazu unscharfes und verknittertes Schwarzweißphoto des mutmaßlich frisch vermählten Paares hat den Zahn der Zeit der vergangenen 86 Jahre überstanden.

Robert und Emmi Gerbrecht, Photographie vermutlich aufgenommen am 22. Dezember 1933, Kattowitzer Str. 29, Stettin

Am 14. Mai 1934 wurde das einzige Kind des Paares geboren, unser Vater Peter Klaus-Emil Gerbrecht. Nur drei Monate danach schließt Robert seine Fachhochschulausbildung ab und schreibt seinen Lebenslauf. Der Hochbautechniker mit Diplom wird schon eine Woche später zur Fertigstellung des Getreidehafens einschließlich des monströsen „neuen Getreidespeichers“ beim Bauherrn des Projekts, der „Stettiner Hafengesellschaft m.b.H.“, fest angestellt. Der Silo aus Beton war mit seinen 64 Metern Höhe und einem Fassungsvermögen von 75.000 Kubikmetern ein Gebäude der Superlative und gilt noch heute, besonders nach seinem Ausbau in den 50er Jahren, als der größte Speicher Polens (siehe Anhang, Abb. 6). Der in Stettin unter dem Namen Elewator Ewa bekannte Mammutbau war seinem Abriss infolge jahrelangen Leerstands schon sehr nahe, steht aber seit 2007 unter Denkmalschutz und ist 2015 vom größten Zuckerproduzenten des Landes für 30 Jahre gepachtet worden.[23]

Die Tätigkeit bei der Stettiner Hafengesellschaft sollte jedoch nicht lange währen. Schon anderthalb Jahre nach Beginn des Dienstverhältnisses ‒ die Bauarbeiten am Getreidespeicher standen kurz vor ihrem Abschluss ‒ schied unser Großvater am 29. Februar 1936 laut seinem Zeugnis „auf eigenen Wunsch“ aus der Firma aus. Dies scheint allerdings nur die halbe Wahrheit zu sein, denn auf einem fast identischen vorläufigen Zeugnis vom 3. Januar 1936 ist noch ein weiterer Satz zu lesen, der nahelegt, dass die Kündigung betriebsbedingte Gründe hatte.[24]

In jedem Falle aber war Robert Gerbrecht ein gemachter Mann, der nun dank seiner beruflichen Stellung im Stettiner Adressbuch von 1935 (S. 127) seinen ersten eigenen Eintrag bekam und damit an der Seite der beiden Brüder Willi und Gustav sowie der anderen Gerbrechts, wie z.B. Tante Bertha, verzeichnet war:

Um das Jahr 1936 herum schien die Welt für Arier noch halbwegs in Ordnung zu sein. Wenngleich der öffentliche Sprachgebrauch schon stark vom Nationalsozialismus geprägt war, so dürften die allermeisten Menschen in einer Zeit der wirtschaftlichen Wiederbelebung eher nicht an die drohende Gefahr eines Zweiten Weltkriegs mit all seinen verheerenden Folgen gedacht haben. Allerdings nahm die Hybris spürbar zu ‒ das Streben in den Osten war in vollem Gange und der Bau des Getreidehafens nur eines der sichtbarsten Anzeichen für die strategische Entscheidung, ganze Teile Osteuropas zu annektieren und zu „germanisieren“, d. h. Lebensraum für „Volksdeutsche” zu schaffen.[25]

Einen Monat nach seiner Kündigung bewarb sich Robert Gerbrecht am 24. März 1936 um eine Anstellung bei der Reichspostdirektion (RPD) im ostpreußischen Königsberg. Diese Behörde war nicht nur für das Post-, sondern auch das Transportwesen, den aufkommenden Funkverkehr sowie für die Rekrutierung von Personal und die Erteilung von staatlichen Aufträgen im Infrastruktursektor zuständig. Die Reichspostdirektionen waren zutiefst mit den Interessen der NSDAP verflochten und erwiesen sich als regelrechter Beschäftigungsmotor für Bürokraten in fast allen öffentlichen Bereichen.[26]

Es ist unklar, warum Robert Gerbrecht sich in Königsberg und nicht in Stettin bewarb. Jedenfalls musste er zu diesem Zwecke auch einen Ariernachweis für sich und seine Frau erbringen und Rechenschaft über die politische Betätigung und Zuverlässigkeit beider ablegen. Leider ist nichts zur Berufstätigkeit unseres Großvaters bis zum Überfall auf Polen am 1. September 1939 überliefert.

Und so entsteht nur etwa ein halbes Jahr zuvor in der „Photographischen Kunstanstalt“ von Louis Klett das Familienphoto vom Beginn dieses Beitrags, auf dem Robert, der fast fünfjährige Peter, den er im Briefwechsel mit seiner Frau zu Anfang der 40er Jahre zärtlich „Peterle“ nennt, und Emmi zu sehen sind. Irgendwann in jenen Tagen musste es zur Versetzung Robert Gerbrechts in den Reichsgau Wartheland bzw. den Militärbezirk Posen gekommen sein, während Frau und Kind bei den Großeltern daheim in Stettin blieben. Der Warthegau spielte im Zusammenhang mit der Besetzung der Ostgebiete – euphemistisch Aufbau genannt – eine zentrale Rolle, denn er war ein alter deutsch-polnischer Zankapfel und verband die Territorien der Provinzen Pommern und Danzig-Westpreußen im Norden mit Schlesien im Süden des östlichen Altreichs.[27]

Der Zweite Weltkrieg erlebte hier zweifellos einen seiner furchtbarsten und blutigsten Schauplätze. Das Verhängnis nahm seinen Lauf ‒ unser Großvater, der sich als Bauleiter auf eine unübersichtliche Odyssee nach Posen (polnisch Poznań), Hohensalza (Inowrocław), Bromberg (Bydgoszcz), Litzmannstadt (Łódź) und schließlich nach Leslau (Włocławek) begeben sollte, würde die Wirren und Schrecken der unmittelbaren Nachkriegszeit (wahrscheinlich) nicht überleben. Und so bleibt das Schicksal des damals rund 37-jährigen Familienvaters bis heute ungeklärt.

 

Anhänge und Quellen zum Lebenslauf von Robert Franz Wilhelm Gerbrecht

Anmerkungen:

[1] Zwar ist das Manuskript nicht datiert, es endet aber mit der am 15. August 1934 bestandenen Prüfung vor der „Höheren Technischen Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau Stettin“. Alles spricht dafür, dass die Niederschrift noch am selben Tage oder Stunden darauf entstanden sein muss, denn schon eine Woche später, am 21. August 1934, wurde Robert Gerbrecht bei der „Stettiner Hafengesellschaft m.b.H.“ angestellt (siehe S. 13f). Daneben existiert die von ihm verfasste Abschrift eines Empfehlungsschreibens von einem seiner Fachhochschullehrer, Studienrat Dipl.-Ing. Alfred Hollaender. Sie ist mit dem Datum des 16. August 1934 versehen und es ist anzunehmen, dass das Original der Bewerbung beigegeben wurde.

[2] Offensichtliche Rechtschreibfehler und fehlende Satzzeichen sind behutsam verbessert bzw. ergänzt und in eckige Klammern gesetzt worden. Ansonsten ist der Text unverändert übernommen. Das Originalmanuskript ist im Anhang, Abb.1 abgebildet.

[3] Genauer gesagt war Robert Franz Wilhelm Gerbrecht ‒ soweit bekannt ist und wie an anderer Stelle noch ausführlich darzulegen sein wird ‒ das insgesamt zehnte Kind seiner Eltern. Die Mutter war zum Zeitpunkt der Geburt bereits 44 Jahre alt. Eine Geburtsurkunde, aus der der genaue Wohnsitz der Familie Ende 1908 hervorginge, scheint nicht zu existieren. Wir wissen aber, dass der Vater seinerzeit als Mieter der Parterrewohnung in der Mönchenstraße 10 in Altdamm gemeldet war, wie dem Adreßbuch für Stettin und Umgebung von 1909 entnommen werden kann. Von den anderen ursprünglich neun Geschwistern lebten Ende 1908 nur noch sechs, nämlich Wally, Hedwig, Margarete, Gustav, Irmgard und Wilhelm („Willi“). Getauft wurde Robert am 1. August 1909 in der evangelisch-lutherischen Sankt Marienkirche zu Altdamm.

[4] Die etwas unglückliche Wiederholung des Attributs „schwer“ im selben Satz ist Robert Gerbrecht bei der nachträglichen Lektüre seines Lebenslaufs offenbar nicht aufgefallen. Wenn doch, hat er sie jedenfalls nicht korrigiert und zum Anlass einer Neufassung genommen, was nahelegt, dass der Text mit „heißer Nadel“ gestrickt bzw. geschrieben wurde. Es ist allerdings unklar, ob es sich beim vorliegenden Originalmanuskript nur um einen ersten Entwurf, um das endgültige, durch den Arbeitgeber vielleicht zurückgegebene Papier oder um eine Abschrift für die eigenen Unterlagen handelt. ‒ Ganz abgesehen davon muss der plötzliche Verlust des Auges in der akuten Situation des Keuchhustenanfalls für den dreijährigen Jungen und die Familie dramatisch gewesen sein und dürfte Robert schon früh in der einen oder anderen Weise traumatisiert haben. Sämtliche Photos, auf denen er zu sehen ist, zeigen ihn mit einem Glasauge.

[5] Robert Gerbrecht war Schüler an der „Achtstufige[n] Stadtschule zu Altdamm“ gewesen und hatte seine Schulpflicht mit dem Besuch der „II. Knaben-Klasse“ im Alter von 14 Jahren erfüllt. Das ursprüngliche Entlassungszeugnis mit Datum vom 24. März 1923 war in den folgenden Jahren anscheinend verloren gegangen und wurde auf Wunsch von Robert am 1. Mai 1929 neu ausgestellt. Anlass war eventuell die bevorstehende Maurergesellenprüfung oder die Bewerbung um einen Studienplatz, zu deren Zweck er den Nachweis seiner Schulausbildung benötigte.

[6] Der Vater Wilhelm Franz August war bekanntlich Ofensetzer (oder „Töpfer“) von Beruf und ist laut der zahlreichen Personenstandsurkunden, in denen er bis zu seinem Tode im Jahre 1930 als Vater und/oder Trauzeuge Erwähnung findet, nie über den Status eines Gesellen hinausgekommen. Als Robert Gerbrecht von 1923 bis 1924 aushilfsweise für seinen Vater arbeitete, war dieser bereits 60 Jahre alt und gewiss an einem Nachfolger aus der Familie interessiert. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass Robert das väterliche Geschäft in der Breite Str. 9 in Altdamm hätte weiterführen mögen.

[7] Als Folge dieser ersten Ausbildung beruflicher Art bzw. Versicherungspflichtigen Beschäftigung wurde Robert Gerbrecht am 27. September 1924 ein so genanntes „Arbeitsbuch“ ausgestellt, wie es die „Gewerbeordnung für das Deutsche Reich“ vorsah. In dieses Dokument musste der Arbeitgeber das betriebliche Eintritts- und Austrittsdatum sowie die Art der Beschäftigung im Rahmen des Arbeitsverhältnisses eintragen. Demnach begann Robert am 12. August 1924 seine Lehre als „Arbeiter“ im Werk Stettin der „Ostsee-Holzindustrie und Bau AG“ (Am Zollstrom 1). Die genauen Hintergründe für den Abbruch der Lehre und die fehlende Anmeldung bei den Behörden liegen im Dunkeln. Zu Beginn der Ausbildung war Robert noch keine 16 Jahre alt und bis mindestens Mai 1925 polizeilich in Altdamm gemeldet. Sein Austritt aus der Firma erfolgte offiziell am 7. Mai 1927.

[8] Der aus Neu-Zarrenorf bei Stralsund stammende Architekt Wilhelm Otto Hermann Westphal war der Familie keineswegs fremd ‒ vielmehr handelte es sich um den Schwager Robert Gerbrechts. Knapp neun Jahre zuvor, am 6. Juli 1916, hatte der damalige „Vizefeldwebel“ die älteste Schwester Wally Hedwig Louise, geboren am 4. Mai 1893 in der Stettiner Apfel-Allee 17, zu seiner Ehefrau genommen. Westphal kam aus gutem Hause und war im Ersten Weltkrieg Angehöriger der „1. Ersatz-Maschinengewehr-Kompagnie des II. Armeekorps“. Die 23-jährige Wally Gerbrecht, von Beruf „Pflegerin“, wohnte zum Zeitpunkt der Hochzeit noch bei ihren Eltern in der Mönchenstr. 10. Hier in Altdamm fand auch die standesamtliche Trauung statt, für die der Bräutigam sich nicht ohne Grund mit einem so genannten Heiratserlaubnisschein“ ausweisen konnte. Wally war nämlich hochschwanger und brachte nur einen Monat später die Tochter Frieda Ida Hermine in Stettin-Zabelsdorf zur Welt, wo das Ehepaar seit kurzem in der Erichstr. 5 lebte. Westphal aber musste wieder an die Front und Wally, mit einem Säugling allein zurückgelassen, wurde kurz darauf erneut schwanger, ging zurück zu den Eltern nach Altdamm und gebar hier am 23. März 1917 ein totes Mädchen. Am Ende des Ersten Weltkriegs kehrte Westphal offenbar kriegsversehrt von der Westfront heim. Die Adressbücher von 1920 bis 1922 führen ihn folglich als „Invaliden“, sodass eine militärische Karriere nun nicht mehr in Frage kam. Es gelang dem ehemaligen Unteroffizier aber recht bald, im Zivilleben Fuß zu fassen ‒ so wird er von 1923 bis 1926 wahlweise als „Hochbautechniker“ oder „Bauführer“ bezeichnet. Nach einem Umzug in die Lothringer Str. 20 im Jahre 1926 verfügte der mittlerweile zum „Architekten“ aufgestiegene Westphal sogar über ein eigenes Baugeschäft und war zudem Eigentümer des Neubaus, in dem kurz darauf eine zweite Tochter geboren wurde. Robert Gerbrecht begann hier am 2. Mai 1927 nicht nur seine dreijährige Maurerlehre, sondern er wohnte wohl auch schon seit geraumer Zeit im Hause seines Schwagers und Lehrmeisters. Darüber hinaus kam es in jenen Tagen ‒ ob zur selben Zeit oder wenig später, ist nicht bekannt ‒ zum Ortswechsel von Roberts Eltern und ihrer damals noch ledigen Tochter Margarete aus Altdamm nach Stettin zu Tochter Wally, die ja „Pflegerin“ war, statt. Bis zum Tode des Familienoberhaupts Wilhelm Franz August am 30. April 1930 lebten also mindestens acht Personen unter dem Dach von Wilhelm Westphal ‒ neben der eigenen vierköpfigen Familie auch seine Schwiegereltern, Schwägerin Margarete und Schwager Robert. In der Rückschau sollte die Lothringer Str. 20 den Beginn einer bis 1944/45 dauernden Anwesenheit der späteren Familie von Robert Gerbrecht und dessen Schwiegereltern in der so genannten „Villen-Kolonie Braunsfelde“, heute polnisch Pogodno, markieren (siehe dazu den Kartenausschnitt im Anhang, Abb. 2).

[9] So heißt es in der Verleihungsurkunde des „Verbands Deutscher Baugewerksmeister“ vom 15. Juli 1930: „Für die sachgemäße und gute Ausführung seines Gesellenstückes spricht die Innung der Baugewerke zu Stettin und Kreis Randow dem Maurer Robert Gerbrecht durch Verleihung dieses Diploms ihre ganz besondere Anerkennung aus.“

[10] Die ehemalige „Königlich preußische Baugewerkschule“, ein mächtiger wilhelminischer Bau aus dem Jahre 1901, befindet sich in der Straße Pułaskiego 10 (bis 1945 Schinkelstraße 10 in Alt-Torney, einem Stadtteil am Westrand Stettins). Die Einrichtung wurde im Verlaufe ihrer Geschichte mehrere Male umbenannt und hieß von 1931 bis 1936 „Höchste Technische Staatslehranstalt für Hoch- und Tiefbau“. In diese Zeit fiel auch das Studium von Robert Gerbrecht. Trotz des ausgebrannten Dachstuhls als Folge eines Luftangriffs vom August 1944 blieb das Gebäude erhalten und wurde Jahrzehnte später aufwändig saniert. Heute beherbergt es die Fakultät für Chemie und die Hauptbibliothek der Westpommerschen Technischen Universität (siehe Anhang, Abb. 4).

[11] Die jeweils von April bis Oktober laufenden „Praktika“ hatte Robert Gerbrecht bei Wilhelm Westphahl absolviert.

[12] Tatsächlich geht aus einem „Auszug aus dem Verzeichnis der Gewerbeanmeldungen des Magistrats Stettin“ hervor, dass Robert Gerbrecht den Betrieb eines eigenen Baugeschäfts am 12. November 1932 anmeldete. Allerdings stimmt dieses Datum nicht mit den Angaben überein, die er am 12. Februar 1936 im „Antrag auf Ausstellung eines Arbeitsbuches“ rückblickend macht. Potenzieller Kundschaft empfahl sich unser Großvater mithilfe einer eigens angefertigten Visitenkarte (siehe Anhang, Abb. 3)..

[13] Die standesamtliche Trauung zwischen dem damals 25-jährigen „studierenden Architekt[en] Robert Franz Wilhelm Gerbrecht“ und der 21-jährigen „Verkäuferin Emma Juliane Pettasch“, geboren am 21. Februar 1912 in Darmstadt, fand am 22. Dezember 1933 in Stettin statt. Beide lebten zu diesem Zeitpunkt schon in der Kattowitzer Str. 29, dem Eigenheim des 49 Jahre alten Brautvaters und Gasinstallationsmeisters Gustav Emil Pettasch, der neben Roberts fünf Jahre älterem Bruder Gustav auch als Trauzeuge hinzugezogen worden war. Die vorliegende Hochzeitsurkunde stammt aus dem Landesarchiv Berlin, in dem die Hauptregister aus den Standesämtern Stettins aufbewahrt werden, und trägt einen Vermerk des Amtsgerichts Eckernförde vom 16. Oktober 1975, wonach Robert Gerbrecht mit Datum vom 31. Dezember 1945 per Beschluss für tot erklärt wurde. Unmittelbarer Anlass für diesen drastischen Schritt nach 30 Jahren der Ungewissheit dürfte der Rentenantrag unserer Großmutter sein, die 1972 nach Vollendung des 60. Lebensjahres nicht nur ihren Anspruch auf eine eigene Regelaltersrente geltend machte, sondern offensichtlich auch die rechtlichen Voraussetzungen für den Bezug einer Witwenrente schaffen wollte (siehe Urkunde im Anhang, Abb. 5).

[14] Mit dem „Söhnchen“ ist natürlich unser Vater Peter Klaus-Emil Gerbrecht gemeint, das einzige Kind, das aus dieser Verbindung hervorgegangen ist. Es bedarf keiner besonderen Rechenkünste, um festzustellen, dass Emmi am Tage ihrer Hochzeit im vierten Monat schwanger war.

[15] Er erhielt damit die zweitbeste Gesamtbenotung, die vergeben werden konnte („Mit Auszeichnung bestanden“, „Gut bestanden“, „Bestanden“ und „Nicht bestanden“).

[16]  Das, wie er es ausdrückt, „Mißgeschick“ seines fehlenden linken Auges war aller Wahrscheinlichkeit nach in der Tat die Hauptursache dafür, dass Robert Gerbrecht sich „wehrpolitisch nicht beteiligen“ konnte. Schon lange vor Kriegsbeginn war ihm seine militärische Untauglichkeit also bewusst gewesen. Die Behinderung muss ihm in irgendeiner Form, möglicherweise durch ein negatives ärztliches Attest, von Amts wegen mitgeteilt worden sein. Zwar ist nichts über die politische Gesinnung unseres Großvaters bekannt, aber einen Monat nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus der Stettiner Hafengesellschaft m.b.H. bewarb er sich im März 1936 bei der Reichspostdirektion Königsberg um eine Anstellung im öffentlichen Dienst und reichte in diesem Zusammenhang in der Ortsgruppe Stettin-Braunsfelde – wohl aus Opportunitätsgründen – einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP ein. Allerdings wurde dieser 1940 durch das Kreisgericht Groß-Stettin abschlägig beschieden und 1941, diesmal von der Reichsleitung der NSDAP in München, ohne Angabe von Gründen erneut abgelehnt (siehe Anhang, Abb.8).

[17] Das auffälligste sprachlich-stilistische Merkmal des Lebenslaufs ist der inflationäre Gebrauch des Kausalkonnektors „da“, der insgesamt siebenmal im Text erscheint und mit dem Robert Gerbrecht immer wieder auf die Motivation seines Handelns und seiner Entscheidungen im Leben hinweist. Fast scheint es, als sehe er sich genötigt, ständig seine Beweggründe offenzulegen („da ich schon lange große Lust (…) hatte“,„ da ich aber nach einer gehobenen Stellung strebte“, „da ich die Schule absolvieren wollte“, „da es nun mein größter Wunsch ist“).

[18] Zum 15-jährigen Jubiläum ihrer Bekanntschaft hatte Robert aus dem Reichsgau Wartheland, wo er als Baustellenleiter die Aufsicht über staatliche Infrastrukturmaßnahmen führte, einen Blumenstrauß nach Stettin geschickt. Dazu heißt es in einem Brief an seine Frau vom 17. Mai 1942: „15 Jahre, eine schöne Zeit, beinahe ein halbes Menschenleben kennen wir uns schon und doch ist es mir gar nicht so, ob es so lange her ist.“ Aus einem anderen Brief erfahren wir, dass sich das Paar am 12. Mai 1927 kennen gelernt hatte.

[19] Ausschnitt aus dem Stettiner Adreßbuch und Umgebung von 1928 (S. 656)

[20] Siehe dazu Fußnote 8 sowie im Anhang Abb. 2.

[21] Laut Sterbeurkunde vom 1. Mai 1930 aus: Östliche preußische Provinzen, Polen, Personenstandsregister 1874-1945. Landesarchiv Berlin (Hauptregister). Digitalisiert und zugänglich gemacht durch Ancestry.com (siehe Quellenverzeichnis).

[22] Wir erinnern uns: Nur drei Wochen zuvor, am 30. Januar 1933, war Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum neuen Reichskanzler ernannt worden. Das Datum der „Machtergreifung“ gilt als Geburtsstunde des Dritten Reichs.

[23] Siehe dazu den Bericht „Hoffnung für Baudenkmal im Stettiner Hafen“ von 2015 (URL: HTTPS://TANTOWER.WORDPRESS.COM/2015/02/13/HOFFNUNG-FUR-BAUDENKMAL-IM-STETTINER-HAFEN/ [aufgerufen am 6.11.2019]. Verantwortlicher Architekt in den 30er Jahren war übrigens der international renommierte, in Luxemburg gebürtige Bauingenieur Dipl.-Ing. Max Enzweiler (1884-1950).

[24] 24 Dort heißt es am Ende: „Herr Gerbrecht erhält dies vorläufige Zeugnis, um sich um eine andere Stelle zu bewerben, da die Bauarbeiten für den Getreidehafen in nächster Zeit beendet werden.“ (Hervorhebung von mir.)

[25] 25 Die Adressbücher für Stettin von 1936 und 1937 haben der Entwicklung der Stadt nach der Machtübernahme durch die NSDAP in einer zweiteiligen Serie („Stettin im neuen Staate“ und „Stettiner Chronik – Rückblick und Ausblick“) ausgiebig Rechnung zu tragen versucht. Der drastische Rückgang der Erwerbslosenzahlen und die Errungenschaften einer florierenden Bautätigkeit im Vergleich zum Krisenjahr 1932 werden in den höchsten Tönen gelobt und seien der „unbeirrbaren und zielbewußten Arbeit der Vertreter des neuen Staates“ zu verdanken. Gleichsam sinnbildlich wird die Bedeutung des Getreidespeichers als Dreh- und Angelpunkt einer neuen „Ostpolitik“ betont ‒ gemeint war die landwirtschaftliche Ertragssteigerung durch Umsiedler nach Vertreibung der ansässigen polnischen Bevölkerung. Stettin habe „mit seinem Großhafen durch die aktive Ostraumpolitik des neuen Deutschland (…) eine verstärkte Bedeutung für die gesamte deutsche Wirtschaft bekommen“, gelte „die verkehrspolitische Pflege (…) sehr stark dem Ausbau des ostdeutschen Verkehrsapparates, dessen Herz und damit Hauptorgan der Stettiner Hafen ist“ und erleichtere schließlich „jede Verbesserung der hafentechnischen Anlagen (…) dem Stettiner Hafen seine nationale Aufgabe, Deutschlands Torhüter im Osten zu sein“ (Stettiner Adressbuch und Umgebung 1937, S. 42).

[26] So waren 1933 bei den 51 Oberpostdirektionen insgesamt 357.362 Menschen beschäftigt, im Jahre 1939 schon 542.151 (vgl. Lotz, Wolfgang: Die Deutsche Reichspost 1933-1945. Eine politische Verwaltungsgeschichte, Bd. II. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 1999).

[27] 27 Ab dem 29. Januar 1940 hieß der Warthegau offiziell Wartheland, vgl. dazu den Artikel in der WIKIPEDIA (URL: HTTPS://DE.WIKIPEDIA.ORG/WIKI/WARTHELAND) [aufgerufen am 10.11.2019]. Alle Orte wurden von 1939 bis 1945 umbenannt und erhielten, bis auf Litzmannstadt, ihre alten Namen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück.

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