Nachforschungen zur Hausnummerierung in Stettin

Vor einiger Zeit erreichte mich eine Anfrage, in der zwei Adressen in Stettin genannt wurden:

Stettin, Luisenstr. 739
Stettin, Luisenstr. 4

Dass die Luisenstraße (auch Louisenstraße, heute ul. Staromłyńska) nicht so lang ist, dass dort solche hohe Hausnummern existieren könnten, wird beim Blick in den Stettiner Stadtplan sofort klar. Was hat es damit auf sich?

Stettin, Plan von 1936

Ich habe mir die Luisenstraße genauer angesehen. Es stellte sich heraus: Diese beiden Adressen sind identisch. Hier aktuelle Rechercheergebnisse.

Blick in die Luisenstraße vom Roßmarkt in Richtung Königsplatz, Karte via sedina.pl

Bereits recht früh kamen Namen für die Straßen Stettins in Gebrauch. Sie sind zum Teil nach Gewerken (Wollweberstraße – 1306), nach Familien (Mittwochstraße – 1306), nach besonderen Örtlichkeiten (Mühlenstraße – 1305) benannt oder weisen auf lokale Örtlichkeiten hin (Oderstraße – 1306).[1]

Die ehemalige Mühlenstraße endete in alten Zeiten an einem der vier Tore Stettins, dem Mühlentor, am nordwestlichen Ende der Stadtmauer. Tor und Straße waren wegen der vor diesem Tor nur wenige 100 Meter vor der Stadt gelegenen Mühlen u. a. die Lübsche Mühle und die Malzmühle so genannt worden. Auf der Mühlenstraße selbst hatte sich einst eine Roßmühle befunden. Sie wurde allerdings nur in außerordentlichen Fällen gebraucht, sie ist nicht mit der Roßmühle auf dem Roßmarkt identisch.[2]

Vom 8.3. – 12.3.1806 besuchten König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise Stettin. Nachdem Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz am 2.12.1805 die vereinigte österreichisch-russische Armee besiegt hatte, zogen die Russen über Swinemünde ab. Luise wollte einen letzten Versuch machen die Russen zu bewegen, Preußen nicht im Stich zu lassen. Nach einem großen Empfang durch Behörden und Bürgerschaft, bei dem die Bevölkerung der zauberhaften Luise begeistert zujubelte, ging das Königspaar den Paradeplatz entlang zum alten Ständehaus[3] in der Mühlenstraße, wo sie während ihres Aufenthaltes wohnten. Von diesem Tag an wurde die Straße “Luisenstraße” genannt.[4]

Bereits zum Zeitpunkt der schwedischen Landesaufnahme waren innerhalb der Stettiner Stadtmauern die Häuser im jeweiligen Stadtviertel einfach der Reihe nach dem Konskriptionsnummernsystem durchnummeriert: Im Südwesten lag das Passauer-Viertel mit den Hausnummern 1-330, im Nordwesten das Mühlenviertel mit den Hausnummern 1-330, im Nordosten an der Oder gelegen das Kessin-Viertel mit den Hausnummern 1-210 und im Südosten das Heiliggeist-Viertel mit einer unbekannten Zahl von Häusern.

Die Hausnummern für die Mühlenstraße waren auf der östlichen Straßenseite von Süden nach Norden 209-223 und auf der westlichen Straßenseite in derselben Laufrichtung 225-241. Davon ausgehend hatte das hier behandelte Haus die Adresse Stettin, Mühlen-Viertel, Mühlenstraße 237.[5]

Im “Plan de la ville Stettin” aus dem Jahr 1721[6] erkennt man eine neue Häusernummerierung, die sich durch die gesamte Altstadt zieht, die Nummerierung innerhalb der Stadtviertel war aufgegeben worden, dennoch wurde weiter am Konskriptionsnummernsystem festgehalten. Die Hausnummerierung beginnt nun mit der Hausnummer 1 und endet mit der Hausnummer 867, beide Häuser liegen nebeneinander beim Berliner Tor an der Ecke der Breitestraße und Kuhstraße.

1721 Plan de la ville Stettin, Mühlentor und Mühlenstraße mit Roßmühle

Für die Mühlenstraße galten nun die Hausnummern 131-142 und zwar auf der rechten Straßenseite bis zum Roßmarkt aufsteigend, auf der gegenüber liegenden Straßenseite die Hausnummern 143-156 zurück zum Mühlentor. Zwischen 1721 und 1833[7] wurde abermals die Nummerierung der Hausnummern und auch der Startpunkt der Hausnummerierung geändert. Sie begann nun am Neuen Markt mit dem Haus Große Oderstraße 1 und endete an der holländischen Windmühle, später Haus An der Grünen Schanze 1186 genannt, in der Nähe des Berliner Tors. Der Grund wird vermutlich in der zunehmenden Bebauung des Stadtkerns zu suchen sein. Mir ist jedoch nicht bekannt, wann das geschah und was der Grund für die Änderung des Startpunktes gewesen sein mag.

Im Adressbuch Stettin aus dem Jahr 1856 wurden für die recht kurze Luisenstraße Häuser mit den Hausnummern 730-756 genannt.

Plan von Stettin im Jahr 1847, Karte via sedina.pl, Kartenausschnitt bearbeitet

Die Luisenstraße, vormals Mühlenstraße, verlief ohne Unterbrechung durch eine teilende Straßenkreuzung vom Roßmarkt (in der Karte “unten”) zum Königsplatz (“oben”).

Dabei verliefen die Hausnummern 730-742 vom Roßmarkt auf der im Bild linken Straßenseite “hinauf” bis zum Königsplatz und von dort die Hausnummern 743-756/757 auf der rechten Straßenseite wieder “hinunter” zum Roßmarkt. Die Hausnummer 739 befand sich somit recht nahe beim Königsplatz. Das heißt, die Hausnummern begannen nun am entgegengesetzten Ende zur vorherigen Nummerierung.

Im Haus Luisenstraße 739, der Adresse, die mich zu dieser Recherche veranlasst hatte, wohnten bei Drucklegung des Adressbuches Stettin aus dem Jahr 1856

Zimmermeister Schönberg
Instrumentenmacher Teichgräber
Major und Platzmajor Schönert
Major v. Schwarzkopven[8]
Dr. Stahr
Kleidermacher Mohrmann
General-Major v. Hirschfeldt
Redakteur Schönert
Dr. Wasserfuhr
Kaufmann Barby
Schuhmacher Raue
Assistent Kuhn
Post-Expedient Wensky

Die Nummerierung der Häuser folgte weiterhin aber nicht einem Straßenverlauf, sondern wechselte an jeder Straßenkreuzung die Richtung. An kleinen Straßen wie der Luisenstraße wird dies nicht deutlich. Im Plan von 1847 kann man es vielleicht erkennen: Beispielsweise liegt das Haus mit der Nummer 728 an der Kleinen Wollweberstraße (2. Haus links neben 730), das Haus 757 liegt am Roßmarkt, der Nummernverlauf geht nach “rechts” weg usw..

Beispiel Roßmarkt aus dem Adressbuch von 1856: Die Nummerierung wurde durch alle an ihn stoßenden Straßen unterbrochen:

Im alten Stadtkern befanden sich die Hausnummern 1-904, Auf dem Klosterhofe (bei St. Peter) die Hausnummern 1-50, auf der Lastadie die Hausnummern 1-177. Später wurden die Häuser auf dem Klosterhof in die Nummerierung der alten Stadt mit einbezogen, daraus entstanden die Hausnummern 1-1187. Auf der Lastadie wurden aber immer mehr Häuser gebaut und neue Straßen entstanden, ebenso in der Oberwiek und Unterwiek und auf dem Torney.

Die Karte “Plan von Stettin” aus dem Jahr 1856 zeigt, dass in demselben Jahr erneut neue Hausnummern in Stettin eingeführt wurden. Die Häusernummerierung innerhalb der Stadt wurde aufgegeben. Gleichzeitig änderte sich noch einmal die Laufrichtung der Hausnummerierung. Endlich wurden die Häuser nach dem Straßenverlauf nummeriert. Jede Straße erhielt ihre eigenen Hausnummern, vergeben nach dem Hufeisensystem, bei dem die Häuser innerhalb der jeweiligen Straße fortlaufend nummeriert werden. Die Nummern der einen Straßenseite laufen nach unten bis zum Ende der Straße, machen dann kehrt und laufen auf der anderen Straßenseite entgegengesetzt einfach weiter, bis wieder das obere Ende der Straße erreicht ist. Die Häuser mit der niedrigsten und der höchsten Hausnummer liegen sich also gegenüber. Die Nummerierung ergibt so die ungefähre Form eines Hufeisens.

Aus dem Haus Luisenstraße 739 wurde Luisenstraße 4.

Neuer Plan von Stettin, 1856, Verlag R. Grassmann, Stettin, Original im Besitz der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin, Nr. 34119a, via Haus Stettin, Lübeck, Kartenausschnitt, bearbeitet

Im ersten amtlichen Adressbuch des Jahres 1857 werden beide Hausnummern nebeneinander genannt. Die genannten Hausbewohner sind bis auf wenige Änderungen dieselben geblieben.

Blick in die Luisenstr. vom Königsplatz aus, Haus Nr. 4 gekennzeichnet. Foto via sedina.pl

Warum war diese Änderung notwendig geworden?

Die Stadt hatte sich längst außerhalb der Stadtmauern immer weiter ausgedehnt. Und nun, wo im Süden Stettins seit 1848 durch Hinausschieben der Festungsanlagen nach dem Fort Preußen die Stettiner Neustadt entstand[9], entschied man sich schließlich, eine neue Ordnung in die Hausnummerierung zu bringen.

Die Straßennamen haben sich im Laufe der Jahrhunderte geändert, zuletzt nach 1945, wo die ehemaligen deutschen nun polnische Straßennamen erhielten. Aus der Mühlenstraße war einst die Louisenstraße geworden, heute heißt sie ulica Staromłyńska. Das alte Haus Louisenstraße 4 existiert nicht mehr. Die Hufeisennummerierung ist geblieben.

 

Quellen:

[1] Geschichte der Stadt Stettin, Martin Wehrmann, Stettin, 1911, S. 54

[2] Die älteren Stettiner Straßennamen im Rahmen der älteren Stadtentwicklung, Hugo Lemcke und Carl Friedrich, 1926, S. 46, LINK ZUM DIGITALISAT
Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogthums Vor-und Hinterpommern, Erster Theil, Ludwig Wilhelm Brüggemann, Stettin, 1779, S. 202, LINK ZUM DIGITALISAT

[3] 1934-1945 Pommersches Landesmuseum, heute Galeria Sztuki Dawnej Muzeum Narodowego w Szczecinie (Nationalmuseum in Stettin – Museum der regionalen Kultur), Fotos siehe WIKIMAPIA

[4] Stettiner Bürgerbrief 2015, Hrsg. Heimatkreisausschuss Stettin S. 70f.

[5] Schwedische Landesaufnahme 1692-1709, siehe SVEA-POMMERN, Häuserbeschreibungen Stettin inkl Lastadie, Nieder- und Oberwiek und Torney in den Bänden 68-71, Band 68: Das Mühlenviertel, DIGITALISAT, Hausnummern der hier beschriebenen Straßenseite der Mühlenstraße auf S. 588/589 (siehe Seiten im Digitalisat: 322/409ff.).
Da in der Karte nachträglich Änderungen vorgenommen worden waren, war die Beschreibung von Jan Iwańczuk zum Haus Luisenstraße 1 (HTTP://POMERANICA.PL/WIKI/BUDYNEK_KLUBU_13_MUZ sehr hilfreich, Hinweis darauf nach Veröffentlichung dieses Beitrags, korrigiert am 19.1.2021. (Nachrichtlich, die Landesaufnahme betreffend: Die Aufnahme des Heiliggeist-Viertels gilt als verschollen.)

[6] Plan de la ville Stettin, erstellt vom Landmesser Ernst August Nord. Dies ist wahrscheinlich der erste Plan mit einer Hausnummerierung.

[7] Zeit zwischen “Plan de Ville Stettin” in Geschichte der Stadt Stettin, Wehrmann und Adressbuch Stettin von 1833, beides über Haus Stettin

[8] Schreibweise des Namens laut Adressbuch

[9] Stettin, Daten und Bilder zur Stadtgeschichte, Ernst Völker, Verlag Gerhard Rautenberg, Leer, 1986, S. 180

 

 

 

2 Gedanken zu „Nachforschungen zur Hausnummerierung in Stettin

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  2. Sehr schöner Artikel. Er zeigt, dass sich eine hoffnungsvolle Recherche lohnt. Widererwartet viele Quellen sollten niemand abschrecken, vor allem keine Kataster-und Stadtpläne. Gerade letztere sind für manche Leute schwer zu lesen.
    Für meine Recherchen war die Quellenvielfalt zur Stadt Stettin sehr komfortabel. Vergleichsweise demoralisierend kommt mir die Quellenlage zu Abbaue im ländlichen Bereich vor. Da hilft die beste Landkarten-Lesefähigkeit nichts. Zum Beispiel führt die Adresse Abbau Tempelburg zu vielen namenlosen und abgelegenen Gehöften. In Dörfern ist das ähnlich, dort haben Gebäude schon mal über Generationen und Eigentümerwechsel hinweg einen Eigennamen der nur in der Umgangsprache der Bürger vorkommt. Um so erfreulicher ist dieser Artikel über die Hausnummern der Luisenstraße in Stettin, er macht Mut zum Dranbleiben.

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