Offener Brief zur Entscheidung der Kirchenleitung zur Schließung des Landeskirchlichen Archivs Greifswald und zum Rückzug aus dem geplanten Archivzentrum

Nach der Ankündigung der Nordkirche sich aus dem geplanten Archivzentrum zurückzuziehen (Pressemitteilung), haben unzählige pommersche Vereine, Institutionen und Einzelpersonen Protestschreiben an die Kirchenleitung verfasst. Darin wird fast durchgehend “Entsetzen” über die Entscheidung ausgedrückt und gefordert, dass diese Entscheidung überdacht wird. Auch wir, der “Pommerscher Greif – Verein für pommersche Familien- und Ortsforschung”, gehören zu den Leidtragenden, sollte das aktuelle Archivkonzept der Nordkirche umgesetzt werden.

Daher möchten auch wir unsere Kritikpunkte an die Kirchenleitung in einem offenen Brief zum Ausdruck bringen.

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Frau Landesbischöfin
Kristina Kühnbaum-Schmidt
Kirchenleitung der
Evangelisch-Lutherischen Kirche
in Norddeutschland
Münzstraße 8-10
19055 Schwerin

Eckernförde, den 12. September 2020

Offener Brief zur Entscheidung der Kirchenleitung
zur Schließung des Landeskirchlichen Archivs Greifswald
und zum Rückzug aus dem geplanten Archivzentrum

Sehr geehrte Frau Landesbischöfin Kühnbaum-Schmidt,

mit Interesse haben wir in den letzten Jahren das Schicksal des Landeskirchlichen Archivs in Greifswald verfolgt. Dieses Archiv war für unsere Mitglieder neben dem Landesarchiv, dem Universitätsarchiv und der Universitätsbibliothek ein wichtiger Forschungsort. So waren wir sehr erfreut, als wir erfuhren, dass in absehbarer Zeit die räumliche Zusammenführung von Landesarchiv, Landeskirchlichem Archiv und Stadtarchiv Greifswald zu erheblichen Synergieeffekten führen könne. Besonders die örtliche Konzentration hätte unseren fast 600 Mitgliedern, die aus historischen Gründen in ganz Deutschland und darüber hinaus auch in verschiedenen Ländern Europas und in Übersee leben, die Arbeit sehr erleichtert.

Umso mehr entsetzt uns die kürzlich völlig ohne Einbeziehung von Betroffenen gefällte Entscheidung zur Schließung des Landeskirchlichen Archivs in Greifswald, der Verlagerung der Bestände nach Schwerin und Kiel und der Aufgabe einer Mitarbeit am Archivzentrum. Auch wenn die Archivalien der Kirche deren Eigentum sind, haben sie doch als bedeutendes Kulturgut eine hohe gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Das trifft besonders Kulturgut aus dem historischen Pommern, dessen größter Teil 1945 verloren gegangen ist.

Die Verlagerung der Archivalien an andere Standorte bedeutet dabei nicht nur den Verlust eines möglichen starken Archivzentrums in Greifswald, sondern führt auch zur weiteren Vernachlässigung der Archivpflege in der Fläche. Denn ohne starken Standort eines kirchlichen Archivs in Vorpommern, werden auch weiterhin keine nennenswerten personellen Ressourcen und Kompetenzen für die Betreuung der verstreuten Pfarrarchive zur Verfügung stehen. Dabei hängt der Pommersche Evangelische Kirchenkreis gerade bei der systematischen Bestandsaufnahme und der Digitalisierung von Kirchenbüchern aus den Pfarrarchiven schon seit Jahren gegenüber anderen Kirchenkreisen deutlich zurück.

In diesem Zusammenhang haben wir den Institutionen des pommerschen Sprengels und der Kirchenleitung schon mehrfach Unterstützung und Zusammenarbeit angeboten. So könnten die gegenwärtig in Räumen der Diakonie in Züssow untergebrachte umfangreiche regional- und familiengeschichtliche Bibliothek des Pommerschen Greif mit aktuell 16.000 Verzeichnungseinheiten und die dort weiterhin vorhandenen umfangreichen Archivalien zur pommerschen Familien- und Ortsgeschichte am neuen geplanten Archivstandort untergebracht und damit ebenfalls für die breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden.

Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen pommerschen Institutionen und Vereinen versprachen wir uns umfassende Synergieeffekte bei der weiteren Erforschung des gesamtpommerschen Erbes. Auch hätten wir unser bürgerwissenschaftliches Engagement stärken können, von dem z. B. das gemeinsam von unserem Verein und dem Pommernsprengel 2017 edierte „Verzeichnis der pommerschen Pfarrer in den Regierungsbezirken Stettin und Köslin von 1903 bzw. 1912 bis zur Vertreibung“ und die von unserem Verein 2018 übernommene Herausgeberschaft der Zeitschrift „Pommern“ zeugen.

Darüber hinaus sind unsere vorpommerschen Vereinsmitglieder bereit, sich in Kirchen-Gemeinden an der Erschließung und der dauerhaften Konservierung von Archivbeständen zu beteiligen, was bisher leider nur viel zu selten angenommen wurde. Eine vertrauensvolle Diskussion der Perspektiven einer Zusammenarbeit könnte unseres Erachtens im beiderseitigen Interesse sein und einen Beitrag zur Lösung der unzureichenden Personalkapazitäten leisten, denn viele unserer Mitglieder können berufliche und auf langjähriger Forschungstätigkeit beruhende Fachkompetenzen vorweisen.

Wenn wir auch nicht alle Gründe für den Rückzug der Nordkirche vom Standort Greifswald und die Aufgabe der Beteiligung am Archivzentrum nachvollziehen und billigen können, so sind wir doch gerne bereit, an für alle Seiten annehmbaren Lösungen mitzuarbeiten. Im Mittelpunkt sollte dabei das gemeinsame Interesse an der Bewahrung der über viele Jahrhunderte gewachsenen pommerschen Identität und Heimatverbundenheit stehen, welche sich gerade in schwierigen Zeiten als sehr nützlich erwiesen haben. Die Kirche hat in Pommern diesbezüglich immer eine herausragende Position eingenommen, die nicht durch einschneidende und schwer vermittelbare Beschlüsse aufs Spiel gesetzt werden sollte.

In diesem Sinne möchten wir die angedachten Gespräche umfassend nutzen, um zukunftsträchtige und für alle Seiten tragfähige Lösungen zu finden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Klaus-D. Kohrt
(1. Vorsitzender)

2 Gedanken zu „Offener Brief zur Entscheidung der Kirchenleitung zur Schließung des Landeskirchlichen Archivs Greifswald und zum Rückzug aus dem geplanten Archivzentrum

  1. Als Theologe und Historiker kann ich die derzeitige Politik der Kirchenleitungen, die sowohl Vergangenheit als auch Zukunft unserer Evangelischen Kirche missachtet und nur an kurzfristigen, perspektivlosen Einsparmöglichkeiten ausgerichtet ist, nicht mehr gut heißen. Wo bleiben Hoffnung und Zuversicht im Vertrauen auf Jesu Verheißung? Diese Politik ist theologisch und ökonomisch verfehlt.
    Pfr.i.R. Michael Harr, Dipl.-Theol. / M.A. /Touristik-Fachwirt

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