Eine Ergänzung zu einem Ortsfamilienbuch zahlt sich aus

Ein Gastbeitrag von Jürgen Diem

Habe ich zu spät mit Fragen angefangen?

Kurz vor der Wende ist mein Vater gestorben. Er hatte sich immer viele Gedanken um die Zukunft unseres Landes gemacht. Mit der Wende schienen die großen Sorgen um den Frieden in Europa, ja in der Welt, endlich verschwunden zu sein. Schade, dass er nicht mit diesem guten Gefühl die Erde verlassen konnte. Mir wurde plötzlich bewusst, was ich von ihm noch alles über die Geschichte der Familie wissen wollte.

So befragte ich zunächst meine Mutter. Besonders interessierte mich der Zweig aus Tribsow, Kreis Cammin. Als Kind hatte ich oft mitgehört, wenn meine Großmutter und ihre Cousine über den Ort ihrer Kindheit alte Geschichten hervorkramten. Sie erzählten von „Bernhard den Geheimnisvollen“, einem Räuber, der sogar den Dorfpolizisten ermordet hatte. Von den Lausbubenstreichen meines Urgroßvaters war mir noch in Erinnerung, dass er und ein Freund mit nächtlichem Spuk Tribsow in Aufregung versetzt hatten. Sogar die Camminer Zeitung darüber soll berichtet haben.

Die Kirche in Tribsow. Hinter diesen Pfeilern am Eingang versteckten sich mein Urgroßvater und sein Freund. Sie sprangen den beiden mutigen Männern auf den Rücken, die den Spuk an der Kirchentür „festnageln“ wollten. Wer den alten Aberglauben „Huckauf“ kennt, weiß, warum die Männer sich nicht umzudrehen trauten.

Wegen Standesamtsunterlagen aus Tribsow schrieb ich an das Stettiner Archiv, aber da gab es leider nichts. Die Quellenlage war schwierig, ja geradezu desolat. Auch bei FamilySearch war nichts vorhanden. Es gab dort nur die Pfarrchronik. Die half mir aber nicht weiter.

Zum Glück gab es noch mündliche Quellen

Meine Fragen führten mich von der nahen zur entfernteren Verwandtschaft. Bei den Interviews füllte sich so manche Tonkassette. Eine besondere Hilfe war für mich eine Cousine meiner Großmutter. Diese Tante Grete wusste trotz ihres hohen Alters noch die Namen der drei Geschwister meines Urgroßvaters und ihrer Ehepartner sowie deren Geburtstage und Heiratsdaten. So entstand ein Gerüst von Daten, an die sich die neuen Informationen anhängen ließen.

Auf den Seminaren zur Familienforschung des Pommerschen Greif in der Ostseeakademie in Travemünde traf ich sehr hilfsbereite und freundliche Forscher. Die waren auf der gleichen Wellenlänge wie ich und die pommersche Familienforschung wurde mein Hobby. Ich hielt Kontakt und tauschte regelmäßig Informationen aus. Das wurde im Laufe der Zeit einfacher, als man sich per Mail die Daten zuschicken konnte. Ein Forscher, der ein Kirchenbuch­duplikat aus der Umgebung durchackerte, entdeckte in einem Aufgebot, dass mein Ururgroßvater Karl Haack noch vier Brüder hatte. Von einem dieser Brüder kenne ich die meisten Nachfahren. Dazu gehört auch ein Zweig in den USA und ein in Deutschland seinerzeit sehr bekannter Fernsehstar aus Cammin.

Auf dem Friedhof in Tribsow stehen alte Grabsteine in einem Lapidarium. Aber leider ist kein Haack-Grabstein erhalten.

Das Lapidarium in Tribsow. Die Namen sind in dem Buch von Petra Schulz, Tribsow, Ein Dorf in Hinterpommern aufgeführt.

Familienforschung – eine brotlose Kunst?

In der Familie und im Freundeskreis stieß meine Forschertätigkeit meist auf freundliches Interesse, aber manchmal wurde ich gefragt, ob das nicht doch eine brotlose Kunst sei. Mit Briefmarken sammeln könne man später ja vielleicht Geld verdienen, aber mit Ahnen sammeln … ? Das focht mich nicht an, denn die Suche nach den Wurzeln der Familie hatte mir ein größeres Verständnis für meine eigene Identität gegeben. An kniffligen Fragen, die ein kriminalistisches Gespür erforderten, knobelte ich manchmal lange. Ich fand sie interessanter als Fernsehkrimis, denn irgendwie hatte das alles mit mir selbst zu tun. Und ein anscheinend unlösbares Problem zu knacken war toller, als im Krimi zu erahnen, dass wieder einmal der Gärtner der Mörder war.

Ein Erbenermittler forscht seit 13 Jahren nach Tribsower Nachkommen

Ganz ähnlich beharrlich suchte ein Erbenermittler aus Baden-Württemberg nach den Nachkommen einer Tribsower Familie. Da es für Tribsow keine Kirchenbücher und keine Standesamtsunterlagen mehr gibt, war das für ihn ein schwieriges Unterfangen. Da kam ihm eine Arbeit über verschiedene Kirchspiele im Kreis Cammin zu Hilfe. Prof. Wallschläger hatte über seine eigene Familienforschung hinaus noch weitere Informationen aus verschiedenen Orten des Kreises Cammin zusammengetragen. Aus dem alten Kirchlichen Monatsblatt für die Synode Cammin (1911 bis 1941), den Berichten und Anzeigen in den Camminer Heimatgrüßen und den Ortschroniken von Petra Schulz und W. Götsch entstand ein Ortsfamilienbuch für Tribsow und Schwirsen. Glücklicherweise ist es nicht als Privatdruck mit kleiner Auflage erschienen, sondern im Internet veröffentlicht unter Familiendatenbank Tribsow und Schwirsen.

So „googelte“ sich der Erbenermittler bis zu Prof. Wallschläger durch und fragte nach einem Kurt M.(Name geändert) aus Tribsow. Im Ortsfamilienbuch Tribsow fand sich seine (erste) Ehe und ein Hinweis auf zwei Kinder. Die waren aus Datenschutzgründen nicht mehr aufgeführt, aber da hätte der Erbenermittler gern gewusst, ob und wo die beiden Kinder oder ihre Nachkommen lebten.

Zufällig hatte ich gerade zu der gesuchten Familie vor einiger Zeit Ergänzungen an Prof. Wallschläger geschickt. Die inzwischen verstorbene erste Ehefrau war nämlich meine Großtante Grete, meine besondere Informationsquelle. So konnte der Kontakt zwischen dem Erbenermittler und den Kindern hergestellt werden. Die Nachricht von dem unerwarteten Erbe stieß zunächst auf Skepsis. Was mochte zu vererben sein, Guthaben oder Schulden? Es ging tatsächlich um einen positiven Betrag. Auf ein Drittel davon hätte allerdings der Erbenermittler Anspruch.

Die Mühlen der Verwaltung

Als ich die Cousine zu ihrem Geburtstag anrief, war ich gespannt über den weiteren Fortgang. Das Ergebnis war enttäuschend. Die junge Nachlasspflegerin hatte einen Fragebogen geschickt und wollte dazu auch die Geburtsurkunden sehen, die amtliche Bestätigung der Abstammung. Der Fragebogen war kein Problem, aber die Papiere gingen bei der ersten Flucht 1945 oder der Vertreibung 1946 verloren. Das Kirchenbuch und die Standesamtsbücher gibt es nicht mehr. In den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit waren solche Schicksale den Behörden bekannt. Außerdem gab es noch ehemalige Pastoren und Bürgermeister, die die Identität der Flüchtlinge bestätigen konnten. So durfte mein Cousin Beamter werden und diente unserm Staat treu bis zu seiner Pensionierung. Lange schien es fraglich, ob die Erbschaft jemals ausgezahlt würde. Nicht nur die Erben, auch der Erbenermittler würden dann leer ausgehen. Nach über einem Jahr erhielt ich den Anruf der Cousine, ein fünfstelliger Betrag sei eingetroffen!

So ist doch alles zu einem guten Ende gekommen und ohne das Ortsfamilienbuch von Professor Wallschläger und meine Ergänzungen dazu wären die Erben nie gefunden worden.

PS: Das erzählte ich meinem alten Freund Wolfgang. Auch er hatte einem Familienforscher Ergänzungen zu einem Ortsfamilienbuch (in Oberschlesien) geliefert. Dort ist ein ähnlicher Betrag zu vererben, der sich allerdings auf eine größere Personenzahl verteilt. Die Erbenermittler haben offenbar die Ortsfamilienbücher entdeckt.

 

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