Pommersches Gedächtnis in Gefahr

Am 15.12.2019 wurde in der Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung ein zweiseitiges Dossier zur Situation des Archivwesens in Vorpommern veröffentlicht. Die Erlaubnis der Autorin zur Veröffentlichung liegt uns vor.

 

Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung, Sonntag 15.12.2019, Seite 4 und 5 – Nr. 50

Pommersches Gedächtnis in Gefahr

Forscher kritisieren, dass die Archive lange vernachlässigt wurden

Archivalien ausgelagert, Akten nicht erschlossen: In Vorpommern hätten Kirche und Politik wichtiges Archivgut lange vernachlässigt, kritisieren Historiker. Die Nordkirche könnte daran etwas ändern. Erste Schritte sind schon gemacht.

Von Sybille Marx

Greifswald/Schwerin/Kiel.

Wenn Historiker Haik Porada über die pommerschen Archive im äußersten Nordosten Deutschlands spricht, spürt er schnell Wut und Verzweiflung. Geschichtswissenschaftler brauchen Zugang zu den Quellen, sagt er. Doch gleich zwei wichtige Archive in der Unistadt Greifswald hätten seit Jahrzehnten kaum Fachpersonal: das Teilarchiv des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern und das der ehemaligen Pommerschen Landeskirche. Mit gravierenden Folgen, wie er und andere Experten schildern: Pommersches Archivmaterial des Landes ist zum Teil verschimmelt, Archivgut der früheren Pommerschen Landeskirche in andere Städte ausgelagert, mal war eins der Archive wegen Krankheit geschlossen, mal kommen Forscher nicht weiter, weil gesuchtes Material nicht erschlossen ist.

„Wer zur Geschichte Pommerns forscht, fühlt sich oft wie ein Chirurg, der nur ein Stückchen Krebs aus dem Darm eines Patienten rausschneiden kann und dann sagen muss: ‚Den Rest erreiche ich leider nicht‘“, sagt Haik Porada. Viele Familienforscher, Studierende, Doktoranden, Lehrer und andere hätten es längst aufgegeben, sich überhaupt pommersche Forschungsthemen zu suchen. „Es hat sich herumgesprochen, dass das umständlich und frustrierend ist.“

Kirchenhistoriker Professor Thomas Kuhn von der Universität Greifswald bestätigt das. Aus seiner Arbeit kennt er viele Archive von anderen Landeskirchen und Bundesländern in Deutschland und der Schweiz. „Nirgendwo ist mir eine so desolate Situation begegnet wie hier, bestimmte Forschung ist hier gar nicht mehr möglich.“ Er selbst wollte schon vor einigen Jahren zur Geschichte der Greifswalder Landeskirche in der DDR forschen – und konnte es nicht, weil das landeskirchliche Archiv nicht zugänglich war.

Der Geschichtsvergessenheit in der Region werde damit Vorschub geleistet, sagen Kuhn, Porada und auch Kirchenhistoriker Irmfried Garbe. Ein differenziertes Bild von dem, was die Region Pommern in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten gebeutelt, erschüttert, geprägt und bereichert habe, könne kaum entstehen. „Alle paar Tage wird erklärt, der Kampf gegen Rechtsextremismus sei wichtig“, sagt Haik Porada. „Aber da, wo die Landesregierung wirksam etwas tun könnte, tut sie nichts.“ An Geschichtswettbewerben teilzunehmen, für die eine Archivnutzung erforderlich wäre, hätten Schulen in Vorpommern schon seit Jahren nicht mehr machen können.

Immerhin: Eine erste Lösungsidee von Nordkirche und Bundesland gibt es inzwischen. Beide erwägen, in Greifswald neben dem neu gebauten Stadtarchiv einen gemeinsamen Ergänzungsbau für ihre pommerschen Archivalien zu errichten und einen Lesesaal mit gemeinsamem Personal zu betreiben. Die Nordkirchenleitung plädiert dafür, diese Idee umzusetzen, das erklärte sie vor einigen Monaten öffentlich (die Kirchenzeitung berichtete). Allerdings: Rund zwei Millionen Euro würde allein der Bau des Hauses kosten. Die Landessynodalen der Nordkirche müssen im Frühjahr entscheiden, ob diese Investition in den Haushalt eingestellt wird oder nicht.

Experten in Vorpommern fürchten: Die Synodalen könnten beschließen, die Nordkirchen-Beteiligung an dem Ergänzungsbau zu kippen und die landeskirchlichen Archivakten einfach in Schwerin, Kiel oder Hamburg zu lassen – wo sie seit Sommer 2018 ohnehin liegen. „Das wäre viel zu weit weg“, meinen Porada und Kuhn, „dann kann kaum noch einer mit den Quellen arbeiten.“

Oberkirchenrat Mathias Lenz, Dezernent und Leiter des Dezernates Theologie, Archiv und Publizistik im Landeskirchenamt der Nordkirche sagt zwar, ganz so einfach sei es mit dem Verlagern nicht: Die Greifswalder Zweigstelle des landeskirchlichen Archivs sei im Einführungsgesetz zur Nordkirche festgeschrieben und dieses Gesetz könne nur mit Zweidrittelmehrheit in der Landessynode geändert werden. Andererseits: Die Verfassung stecke im Blick auf das Archiv lediglich einen Rahmen ab. „Bei der konkreten Umsetzung dieser Bestimmung sind auch archivfachliche, finanzielle und kirchenpolitische Aspekte zu berücksichtigen. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.“

Ein anderer Prozess dagegen läuft inzwischen auf Hochtouren: die Erschließung der pommerschen landeskirchlichen Archivalien aus den vergangenen sieben Jahrzehnten. 750 laufende Meter Akten sind es, aus der Zeit von 1945 bis 2012. Die Pappkartons mit den Mappen füllen einen ganzen Raum in der Schweriner Zweigstelle des Nordkirchenarchivs. Annette Göhres, Leiterin des landeskirchlichen Archivs der Nordkirche, erklärt: Zum Zeitpunkt der Nordkirchenfusion waren nur rund zehn Prozent dieses Materials erschlossen. „Das bedeutet einen Erschließungsrückstand von zehn Jahren.“

Die Kirchenleitung der Nordkirche habe im vergangenen Herbst daher eine Projektstelle für drei Jahre eingerichtet. Historiker Sebastian Eichler ist nun in Schwerin damit beschäftigt, vor allem die zentralen Akten des früheren Konsistoriums der pommerschen Kirche zu sichten, zu sichern und zugänglich zu machen, außerdem Akten zu anderen kirchenleitenden Gremien. Über vier Tonnen Material hat er schon bewegt. Das Ziel – die komplette Benutzbarkeit nach drei Jahren – sei „voraussichtlich zu schaffen“, schätzt der 28-Jährige.

Nach 1989 war das landeskirchliche Material erst ins Souterrain des pommerschen Bischofssitzes in Greifswald eingelagert worden. Doch starke Regenfälle setzten 2014 und 2015 den Wänden des Hauses zu, die Magazine mussten geräumt werden, um die Archivalien vor Schimmel zu schützen. Für ein paar Jahre lagerten sie dann in einer Halle im Dorf Mesekenhagen, rund zehn Kilometer vom Unistandort Greifswald entfernt.

Rund 550 laufende Meter, und damit über zwei Drittel des Materials, wurden im Sommer 2018 dann einem spezialisierten Dienstleister in Hamburg zur Aufbewahrung übergeben – ohne Zugang für die Öffentlichkeit. Die 200 laufenden Meter mit dem zentralen Aktenbestand des pommerschen Konsistoriums sind am Schweriner Standort des Landeskirchlichen Archiv zu finden, fast drei Zugstunden von Greifswald entfernt. Am Standort Kiel des Nordkirchenarchivs, fünf bis sechs Zugstunden von Greifswald weg, lagern laut Annette Göhres nur Bestandsfragmente wie einzelne Synodenunterlagen.

Das alles bedeutet kurz gesagt: Immer mehr Archivguteinheiten der ehemaligen Pommerschen Landeskirche werden seit 2018 langsam zugänglich gemacht. Allerdings liegen sie vom Forschungsstandort Greifswald aus gesehen weit weg. Und ob sie wieder näher heranrücken, hängt von der Landessynode ab.

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