Seemannslos

In „Pommersche Heimat, Monatsbeilage zur Fürstentumer Zeitung Köslin 1913 Nr. 9“ findet sich der folgende Artikel über die Orgel der Kirche in Sorenbohm, Kreis Köslin:

Kirche in Sorenbohm Sarbinowo

Kirche in Sorenbohm Sarbinowo von Fidelio [Public domain]

Seemannslos
von Paul Thym Bauernhufen

Die freundliche Dorfkirche zu Sorenbohm beherbergt einen sinnigen Schmuck, dem Andenken eines tapferen Seemannes gewidmet. Im Prospekt der Orgel ist ein Ölgemälde des Steuermanns Karl Maaß aus Bornhagen angebracht, der auf dem Schiffe “ Fliegende Wolke” durch einen schrecklichen Unglücksfall sein Leben lassen musste. Das Nähere über den Heldentod dieses braven Seemanns erzählt uns die unter Glas und Rahmen ebenfalls an der Orgel angebrachte Bescheinigung des Kapitäns Josiah  Creesy.

Sie lautet also :
San Francisco, den 21 September 1852

hierdurch wird bescheinigt, dass Herr Karl Leopold Maaß aus Köslin in Preußen, 4. Steuermann an Bord des Schiffes “ Fliegende Wolke” war,  abgegangen von San Francisco nach China am 20. Oktober 1851, und der zufälligerweise auf der Passage am 16 November getötet wurde dadurch, dass er erfasst wurde von der Bucht des großen Top-Mast,  Sturm- oder Stag-Segelhals, als er versuchte, das Segel zu bergen, welches im Wasser war. Nachdem die Schot von dem Getau getrennt worden, welches vorn festgemacht war, und als ihm zugerufen wurde, das Segel gehen zu lassen, und sich vor dem Hals in Acht zu nehmen, so ward er, entweder weil er wünschte das Segel zu retten oder weil er die Aufforderung des Kapitäns mißverstand, in erwähnter Art erfasst und über die Reling auf die Großsegel-Braß-Blocken geschleudert ; indem er sich auf eine entsetzliche Weise verstümmelte, die seinen Tod in 15 Minuten herbeiführte, nachdem alles aufgehoben war, um sein Leben zu retten. Die einzigen Worte, welche er nach dem Unglücksfall sprach, waren:”Let me go! Let me go! my leg is gone! Let me go!“ (Laßt mich fort, laßt mich fort, mein Bein ist weg! Laßt mich gehen!) Sein Leichnam wurde bis zum nächsten Tage bewahrt und dann mit den schicklichen Feierlichkeiten im Ozean begraben.

Mit Vergnügen und Genugtuung legen wir Zeugnis ab über den Werth des Herrn Maaß und wissen, daß er an Bord bei allen beliebt war, und sein trauriges Ende von der ganzen Schiffsmannschaft beklagt wurde, und wir die Unterzeichneten nehmen den herzlichen Antheil mit der Familie und den Freunden des Herrn Maaß in diesem betrübenden Unglücksereigniß.

Kapitän Josiah P. Creesy

Kapitän Josiah P. Creesy aus “The Clipper Ship Era (1843-1869)”, Arthur Hamilton Clark, 1911

Josiah P. Kreesy Kapitän
Thomas Mounten 2. Steuermann des Schiffes
„Flying Cloud“  (Fliegende Wolke) .

Preußisches Konsulat zu San Francisco
Hierdurch wird bescheinigt dass das Vorstehende Zertifikat über den Tod des Herrn Maaß vor mir durch den Kapitän Josiah P. Kreesy, Führer des amerikanischen Schiffes “Flying Cloud “ und durch Thomas Mounten, 2. Steuermann desselben Schiffes, unterzeichnet worden ist.
San Francisco, den 22 September 1852
Hermann Reinke
Agierender Konsul seiner preußischen Majestät.

Gesehen zur Beglaubigung der vorstehenden Unterschrift
Berlin, den 6. Dezember 1852
L.S.Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten.
Im Auftrage
v. Bülow

Mitglieder der Familie Maaß stifteten der Kirche zu Sorenbohm 3000 Mark zum Bau einer Orgel, die dem Andenken des Braven geweiht wurde. Ein diesbezügliches Schriftstück lautet also :
Dem Andenken
unseres unvergesslichen Sohnes und Bruders Karl Leopold Albert Maaß, welcher am 16. November das Unglück hatte, an Bord des amerikanischen Schiffes “Flying Cloud”, auf welchem er Steuermann war, im Stillen Ozean unter 20° 6 M. nördlicher Breite und 108° 39 M. westlicher Länge das Leben zu verlieren, wurde diese Orgel der Kirche geweiht. Er war geboren am 6. April 1824.
Bornhagen, den 18 Oktober 1856
W. Maaß und Frau
G. Maaß, Bruder

Taufeintrag

Taufeintrag von Karl Leopold Albert aus dem Kirchenbuch Sorenbohm

Alljährlich, am Sonntag vor dem Totenfest, wird für diesen in der Blüte seiner Manneskraft dahingerafften Seemann eine würdige Gedenkfeier am Schlusse des Gottesdienstes abgehalten. Der herzlichen Fürbitte des Geistlichen für diesen Verunglückten schließt sich der gemeinsamer Gesang der beiden Verse an: “Wenn ich einmal soll scheiden” und “Erscheine mir zum Schilde”, von Orgelton und Glockenklang feierlich begleitet. Mit tiefer Wehmut im Herzen weilen die Gedanken aller bei dem Heldengrab im Stillen Ozean, und manch stilles Gebet steigt empor für diesen braven Seemann aus unserer Gemeinde. Erst 27 Jahre alt, schlummert er nun nach qualvollen Todeskampf sanft im feuchten Seemannsgrab seiner Auferstehung entgegen, “wo auch das Meer seine Toten wieder geben muss, wenn der Fürst des Lebens ruft”.


Karl Leopold Albert war der jüngere von zwei überlebenden Söhnen des Wilhelm David Maaß ( * err. 6.4.1791, † 3.8.1863 Bornhagen) und seiner Frau Sophia Schwerdtfeger († 5.8.1855 Bornhagen). Zum Zeitpunkt der Geburt des Sohnes ist der Vater Pächter in Funkenhagen, später wird er dann Rittergutsbesitzer in Bornhagen, was auch den hohen Spendenbetrag von 3000 M. für die Kirchenorgel (Bild des Kircheninneren und der Orgel) erklären kann. Sein Sohn Hermann Gustav (* 1819, † 22.9.1867 Bornhagen) oo Emilie Knop übernahm das Rittergut. 1867 beschreibt Berghaus es in seinem Landbuch des Herzogthums Pommern: „besteht aus einem einzigen Hause mit 6 Wirtschaftsgebäuden….Der gegenwärtige Besitzer ist David Wilhelm Maaß, welcher das Gut 1830….. käuflich erworben hat und dessen Familie mit dem Gesinde aus 14 Personen besteht.“

Flying Cloud 1851

Flying Cloud 1851

Interessant ist auch die Geschichte des Schiffes „Flying Cloud“, auf dem der junge Seemann den Tod fand.
Der Clipper wurde in Boston gebaut und stellte auf seiner Jungfernfahrt schon einen Geschwindigkeitsrekord auf: Das Schiff segelte am 2. Juni 1851 in New York los und erreichte San Francisco am 2. August , brauchte also unter dem Kommando des Kapitäns Josiah Perkins Cressey nur 89 Tage und 20 Stunden. . Es gab noch keinen Panamakanal, der wurde erst 1914 eröffnet, in San Francisco war 1848 das erste Gold gefunden worden und somit begann der Goldrausch – eine schnelle Passage rund um Kap Hoorn war wichtig. Ob unser junger Steuermann aus Bornhagen schon an Bord war?  Der zweite Turn führte die Flying Cloud von San Francisco nach China, da war er an Bord und verunglückte im Pazifik auf der groben Höhe von Mexiko. Später, 1853,  stellte das Schiff seinen eigenen Geschwindigskeitsrekord für die Strecke New York-San Franzisko ein mit 89 Tagen 7 Stunden. Dieser Rekord wurde erst 1983 gebrochen.

Sucht man heute nach Informationen über den Kapitän, findet man Angaben hauptsächlich zu seiner Ehefrau, Eleanor Creesy, geb. Prentiss, die als erster weiblicher Navigator wichtigen Anteil am Erfolg und der Geschwindigkeit des Schiffes hatte.

 

 

 

 

 

 

 

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