Stellungnahme der Stadt Stralsund

Rathaus Stralsund Foto softeis  <a title="cc-by-sa" href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank">cc-by-sa</a> via commons.wikimedia.org

Rathaus Stralsund Foto softeis cc-by-sa via commons.wikimedia.org

Die Online-Petition “Rettet die Stralsunder Archivbibliothek ” wurde über den Jahreswechsel 2012/13 von 3682 empörten Menschen unterschrieben, die gegen den Ausverkauf von Kulturgut durch die Stadt Stralsund bzw. deren Archivpersonal protestieren wollten.
Noch während der Laufzeit der Petition, die auch durch unseren Verein tatkräftig unterstützt wurde, begannen erste Rettungsmaßnahmen.
Zur Historie des Ganzen finden Sie in diesem Blog unter dem Stichwort “Stralsund” viele Beiträge.
Inzwischen liegt die offizielle Antwort der Stadt Stralsund an den Initiator Philipp Maaß auf die Überreichung der Petition vor, Sie können sie im vollen Wortlaut unten lesen.

Auch aus Fachkreisen hört man, dass in Stralsund jetzt enorme Betriebsamkeit herrscht und diverse Aktivitäten in der Planung sind. Vorrang haben jetzt erstmal die Fragen der Bestandserhaltung.

Zumindest der Teilbestand W (Wiegendrucke) wurde gesichtet. Inzwischen liegt auch eine Liste vor, aus der sich die Kriegsverluste ermitteln lassen. Damit kann man dann den gesamten Inkunabelbestand, wie er Anfang des 20. Jh. aufgestellt worden ist, rekonstruieren.

Ich glaube der Stadt Stralsund ihre Versicherungen und freue mich über die ernsthaften Bemühungen, zu retten was noch zu retten ist. Ich würde mich sehr freuen, wenn der nächste Bericht über die “Causa Stralsund” einen ähnlichen Tenor haben könnte wie der über die Kirchenbibliothek in Barth.
Mich stört nur, dass auf mir bekannte Rückkaufangebote bisher nicht eingegangen wurde. Das Thema “Digitalisierung der Bestände” sollte auch bald erörtert werden.
Offen bleibt bisher auch die Frage, wie es mit der Leitung des Stadtarchivs weitergehen soll? Hier sollte man die Stelle doch bundesweit neu ausschreiben und sich einen Facharchivar in die Stadt holen, der, wie es eigentlich üblich ist, auch Latein und Griechisch lesen kann.
Als “Reaktion” auf den Verkauf der Stralsunder Gymnasialbibliothek hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlern zusammengefunden, die auch in Zukunft auf solche Misstände rund um Kulturgüter wie Bibliotheken, Archive, Denkmäler u.v.m. aufmerksam machen will und so ein geschärftes Bewusstsein in der Öffentlichkeit bewirken möchte.
Sie können die Aktivitäten dieser Gruppe auf dem Blog http://kulturgut.hypotheses.org verfolgen. M.Ott

Brief der Stadt Stralsund an Philipp Maaß

Briefkopf Stralsund

Briefkopf Stralsund

Stralsund, 25.03.2013

Online-Petition „Rettet die Stralsunder ArchivbibIiothek”

Sehr geehrter Herr Maaß,
die Hansestadt Stralsund ist sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren Geschichts- und
Kulturreichtümern in vollem Umfang bewusst. Der Verkauf der Stralsunder
Gymnasialbibliothek musste daher als Fehler eingestanden werden. Dank der breiten
Aufmerksamkeit und besonders Ihres Engagements im Rahmen der Online-Petition „Rettet die Stralsunder Archivbibliothek” wurde dieser Vorgang einer gründlichen Prüfung
unterzogen. Ihre Ergebnisse wurden sowohl auf der Homepage der Hansestadt Stralsund
als auch vor den Medien lückenlos und jeweils aktuell veröffentlicht.
Aus Gutachten und Bewertungen hinzugezogener Fachexperten ergab sich die
Notwendigkeit, dringend zu handeln. Daraufhin hat die Hansestadt Stralsund unverzüglich
Maßnahmen ergriffen, die sich auch auf die in Ihrer Petition zu Recht geforderten Punkte
konzentrierten: die Rückholung des historisch bedeutenden Bestands der Stralsunder
Gymnasialbibliothek, ihre wissenschaftlich historische Aufarbeitung sowie ihre
konservatorische Pflege.
Das in diesem Zusammenhang offenbar gewordene weitaus größere Problem des
Schimmelbefalls weiterer Teile des Stadtarchivs stellte sich dabei als eigentliche
Herkulesaufgabe heraus. Mit Hochdruck arbeiten wir derzeit an ihrer Bewältigung und
können zum heutigen Zeitpunkt folgenden Zwischenstand mitteilen:
Die Stralsunder Gymnasialbibliothek ist zu über 90% wieder in Stralsund. Die
Rückgewinnung weiterer Einzelexemplare, die Institutionen und Einzelpersonen aus
diesem Bestand erworben hatten, ist bisher auf positive Resonanz gestoßen. Bemühungen, Bücher aus diesem Kontext zurück zu gewinnen werden weiter fortgesetzt.
Der Arbeitsalltag im Stadtarchiv hat sich angesichts der veränderten Situation bereits
entsprechend eingestellt. Seit Mitte März arbeiten Mitarbeiter an der Sichtung und
Reinigung der historischen Buchbestände.

Eigens dazu wurden mit einer Reinraumwerkbank, hygienisch sicheren schwarz-weiß-
Bereichen, Depoträumen und neuen Arbeitsplätzen mit moderner Reproduktionstechnik
und professioneller Archivsoftware ideale Arbeitsbedingungen geschaffen.
Außerdem hat die Hansestadt Stralsund Mittel für die Reinigung der historischen Buch-
und Archivbestände in den Haushalt eingestellt, die ihre vollständige Reinigung in den
nächsten 3-4 Jahren möglich machen. Zugleich wurden zwei große Projekte in Angriff
genommen, die den historischen Beständen auch perspektivisch die besten
Aufbewahrungs- und Präsentationsbedingungen sicher stellen: Die Planung und
Realisierung eines neuen zentralen Depotgebäudes sowie die Planung, Sanierung und
Neukonzeption des bis dahin bestehenden Stadtarchivs im ehern. Franziskanerkloster St.
Johannis.
Vorrangig wird die bis jetzt wieder zusammengetragene Bibliothek des Stralsunder
Gymnasiums Buch für Buch von einer Fachfirma gereinigt. Ein Projekt für ihre
wissenschaftliche Erschließung und kontextuelle Darstellung ist ebenso in Vorbereitung
wie die Erschließung und Präsentation der wertvollsten Bestände des Stralsunder
Stadtarchivs an buchgebundenen Handschriften und lnkunabeln. Dies wurde möglich
durch die praktische Hilfe der Staatsbibliothek Berlin sowie der Universitätsbibliothek
Leipzig.
Dass wir diesen Stand angesichts der gewaltigen Aufgaben in so relativ kurzer Zeit und in
dieser Qualität erreicht haben, dass sich parallel dazu mit Katalogisierungs- und
Publikationsprojekten auch Wertschätzung und Sichtbarkeit der historischen Bestände für
Öffentlichkeit und Forschung entwickeln können, verdanken wir in hohem Maße einer
breiten Unterstützung von außen. Auch lhr Engagement für die Petition zur „Rettung der
Stralsunder Archivbibliothek” sehen wir in diesem Zusammenhang. Ohne ihre
nachdrückliche und in jedem Fall konstruktive Kritik wäre dieser Stand wohl nicht in
diesem Tempo erreicht worden.
Die Liste der Institutionen und Wissenschaftler, denen wir für ihren Rat und ihren überaus
ehrenhaften Einsatz für die Erhaltung unseres so wertvollen Kulturerbes danken möchten,
ist lang. Stellvertretend seien genannt: die Universitätsbibliotheken Greifswald, Rostock,
Leipzig, die Staatsbibliothek Berlin, die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, das
Zentrum für Bucherhaltung Leipzig, der Landesverband des VdA, der Landesarchivar des
Landes Mecklenburg Vorpommern, Buch- und Papierrestauratorinnen aus Schwerin und
Greifswald sowie stellvertretend für viele weitere nicht genannte: Prof. Dr. Jürgen Wolf,
Marburg; Prof. Dr. Nigel Palmer, Oxford; Prof. Matthias Untermann und Leonie Silberer M. A., Heidelberg; Frau Schneider-Kempf, Dr. Falk Eisermann, Frau Dr. Hartwieg, Frau Scheibe, Berlin; Dr. Christoph Mackert, Leipzig, Prof. Dr. Schmidt-Glinzer und Dr. Petra Feuerstein-Herz, Wolfenbüttel.
Mit freundlichen Grüßen
lm Auftrag
Albrecht