Der handschriftliche Lebenslauf von Robert Franz Wilhelm Gerbrecht aus dem August 1934

Ein Gastbeitrag von Peter Gerbrecht

 

In memoriam Familie Robert Gerbrecht (Photographie von Louis Klett, Breitestraße 59, Stettin, Ostern 1939)

Vorbemerkungen

Dieser zweite Beitrag im Rahmen meiner Familienforschung macht den Versuch, das Leben unseres seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollenen Großvaters Robert Franz Wilhelm Gerbrecht nachzuzeichnen. Ausgangspunkt dieser Recherche ist dessen im Zuge einer Stellenbewerbung von Mitte August des Jahres 1934 handgeschriebener Lebenslauf ‒ ein aufschlussreiches und mit diversen Privatinformationen versehenes Zeitdokument des damals 25-Jährigen.[1]

Gegenüber standardisierten Formularen, wie im Falle von Personenstandsurkunden, bietet der frei verfasste Lebenslauf nicht nur eine umfassende Chronologie familiärer und ausbildungsbezogener Ereignisse, sondern er gewährt auch gewisse Einblicke in die Persönlichkeit des Autors. So kommt durch die Erwähnung oder Auslassung bestimmter biographischer Daten deren subjektive Bedeutung zum Vorschein, mitunter werden aber auch frappante zeitliche Zusammenhänge erkennbar und fällt manches individuelle Muster oder Stereotyp in den Formulierungsweisen auf.

Ästhetisch betrachtet stellt die in feinstem Sütterlin verfasste Handschrift ein kleines Kunstwerk dar, sie ist aber auch eine Herausforderung für alle, die nicht in der Lektüre und Dechiffrierung dieser veralteten Schreibschrift mit ihrer schroffen Schönheit geübt sind. Neben einer Umschrift, die im Mittelpunkt dieses Beitrags steht und durch Fußnoten umfangreich kommentiert wird, habe ich das originale Manuskript im Anhang als Bilddatei beigefügt. Zur Veranschaulichung und präziseren Einordnung der vom Autor gemachten Angaben sind auch einige weitere Schriftdokumente und Photographien aus jener Zeit herangezogen worden. Ein ausführlicher Blick auf die Geschichte der Familiengründung unseres Großvaters und die Zeit bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sowie ein kurzes Quellenverzeichnis runden diese Arbeit ab.

Peter Gerbrecht, im November 2019

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Die Apfel-Allee in Stettin – Wohnsitz der Familie Gerbrecht am Ende des 19. Jahrhunderts

Ein Gastbeitrag von Peter Gerbrecht

 

Die heutige Aleja Powstańców Wielkopolskich in Stettin ‒ wörtlich „Allee der Auf­ständischen Großpolens“ ‒ trug bis 1945 den beschaulichen Namen „Apfel-Allee“ und kann auf eine rund 200 Jahre lange und bewegte Geschichte zurückblicken. Die Straße lag (und liegt noch heute) im Süden der Stadt und erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung zum nächst­gelegenen Vorort bzw. Stadtteil Pommerensdorf (polnisch Pomorzany). Nach allem, was bekannt ist, dürfte sie auch für die Ansiedlung der aus Altdamm stammenden Familie Gerbrecht in der Ostsee-Metropole Stettin gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle gespielt haben.

Im Jahre 1822 gründete die Stadt Stettin am Landweg zwischen der alten Festung und dem südlich gelegenen Pommerensdorf auf über 200 Hektar erstrittenen Landes eine Kolonie und markierte damit den Beginn der so genannten „Pommerensdorfer Anlagen“. Das neue Areal, das vorwiegend aus Obstgärten, Feldern und einigen Wirtschaftsgebäuden bestand, erfuhr bald eine allmähliche Randbebauung und hatte 1857 genau 43 Hausnummern. Am 4. September 1864 wurde es mit seinen mittlerweile 1.610 Bewohnern von Amts wegen zu Stettiner Stadtgebiet erklärt und bildete so dessen Südgrenze. Die Straße ins Stadtzentrum bekam zudem einen neuen Namen und ihre Anwohner wurden im Straßenverzeichnis der Adressbücher von 1866 bis 1880 unter der Überschrift „An der Apfel-Allee (Pommerensdorfer Anlage)“ aufgeführt. Im Zuge dieser ersten großen Urbanisierungsphase und als Folge neu hinzukommender Wohnhäuser, aber auch kleiner Fabriken, Gewerbebetriebe usw., erhielt die Apfel-Allee eine überarbeitete Hausnummerierung; so waren 1866 erst 13 Adres­sen vergeben (1 bis 13), 1876 hingegen schon 28, nämlich die Nummern 1, 1a bis 1i, 2 bis 4, 4a bis 4d und 5 bis 15.

Spätestens im Alter von neun Jahren muss unser Urgroßvater Wilhelm Franz August Gerbrecht in die mit über 90.000 Einwohnern schon damals große Hauptstadtregion der Provinz Pommern gekommen sein, denn seine am 25. Februar 1872 geborene Schwester Emma Elise Marie, jüngstes der fünf Geschwister, war im Gegensatz zu ihren vier Brüdern nicht mehr in Altdamm, sondern bereits in Stettin zur Welt gekommen. Doch erst sieben Jahre später, im Adreß- und Geschäfts-Handbuch von 1879, wird der Vater Carl Gerbrecht unter seiner Adresse am nördlichen Ende der Apfel-Allee verzeichnet:

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