Theodor Fontane und der Pietismus in Pommern

Ein Beitrag von Dr. Hasso Prahl

Vor 200 Jahren, am 30. Dezember 1819, wurde Heinrich Theodor Fontane, besser bekannt als Theodor Fontane, in Neuruppin in der Mark Brandenburg geboren. Seit 1827 lebte er mit seinen Eltern in Swinemünde in Pommern. Er war ein deutscher Schriftsteller. Er gilt als bedeutendster deutscher Vertreter des Realismus. Fontane starb am 20. September 1898 in Berlin.

Dieser Beitrag beschreibt, wie Fontane den Pietismus in Pommern nicht als Kirchenhistoriker, sondern als Schriftsteller gesehen hat.

Einleitend soll der Pietismus kurz erläutert werden. Er wird von „pietas“ (Gottesfurcht, Frömmigkeit) abgeleitet. Kritiker des Pietismus haben ihm auch spöttisch die Bedeutung „Frömmelei“ beigelegt. Jedenfalls ist er nach der Reformation die wichtigste Reformbewegung im evangelischen Christentum. Der Pietismus versteht sich theologisch als eine Besinnung auf Grundanliegen der Reformation. Sie wurden jedoch im Laufe der Zeit durch die Aufnahme anderer Traditionsstränge in verschiedener Weise umgeformt. Daher sollte man nicht vom Pietismus schlechthin sprechen, sondern ihn in jeder Zeit in seiner jeweiligen Ausdrucksform wahrnehmen. Vereinfachend kann zusammenfassend festgestellt werden: der Pietismus hat seit seiner Entstehung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vom klassischen Pietismus der Barockzeit über den Spätpietismus des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts bis zur evangelikalen Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielgestaltige Veränderungen aufzuweisen. Dazu zählt sowohl die Strömung, die zwar in der Amtskirche bleibt oder geduldet wird, als auch die kirchenkritische Strömung, die sich von der Amtskirche ablöst oder von ihr als Separatismus empfunden und daher aus ihr ausgeschlossen wird.

Ergänzend noch ein Wort zur Besinnung auf Grundanliegen der Reformation: nach den schlimmen Wunden, die der Dreißigjährige Krieg geschlagen hatte, entstand ein Gefühl der mangelhaften Frömmigkeit und unzureichender christlicher Lebensführung. Das führte zum Wunsch oder besser zum Bedürfnis, den persönlichen Glauben zu überprüfen. Das sollte durch Neuausrichtung auf die Bibel und die christlichen Traditionen bewirkt werden.

Die Nachwirkung des Dreißigjährigen Krieges erklärt noch nicht alles. Die im 18. Jahrhundert aufkommende Aufklärung erschütterte das traditionelle Weltbild durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft und beeinträchtigte die Glaubwürdigkeit der traditionelle Theologie. Die Theologie reagierte darauf mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung. Dadurch wurde sie für die normalen Gemeindemitglieder immer unverständlicher. Der Pietismus wurde zu einer Bibelbewegung für Laien mit starker Subjektivität des Glaubens. In der pietistischen Praxis enstanden „Konventikel“ (heute: „Hauskreise“) mit gemeinsamem Bibelstudium und Gebet mit oft ähnlich großer oder gar noch größerer Bedeutung als Gottesdienste der Amtskirche. Dadurch wurde das Priestertum aller Gläubigen aufgewertet. Das hat der Lutheraner Graf Zinzendorf (1700 – 1760) so ausgedrückt:  „Gelobet sei die Gnadenzeit, In der auch ungeübte Knaben Befehl und Macht erhalten haben Zu werben auf die Seligkeit.“

Als Gründerpersönlichkeit gilt der Elsässer Philipp Jacob Spener (1635 – 1705)[1] für den lutherischen und Theodor Undereyk (1635 – 1693) für den reformierten Pietismus. Bei ihnen versammelten sich die Erweckten zu Hausbibelkreisen und Erbauungsstunden (Collegia pietatis).

Noch ein Wort zum lutherischen Pietismus: bis etwa Mitte des 18. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der lutherischen Orthodoxie und des Pietismus. Denn die orthodoxen Gegner warfen den Pietisten unter anderem die Aufnahme heterodoxer Anschauungen und Praktiken vor, die Störung der Kirchenordnungen durch die Konventikel und andere Neuerungen, die Spaltung der Gemeinden und den Hang zum Perfektionismus.

Zur Einstimmung in die Begegnung Fontanes mit dem Pietismus in Pommern: viele Menschen sahen im Sieg Preußens und seiner Verbündeten über Napoleon Bonaparte das Eingreifen Gottes in die Geschichte. Eine ähnliche religiöse Hochstimmung entstand 1817 beim Wartburgfest und bei der Dreihundertjahrfeier der Reformation. Die Frömmigkeit der Erweckung gewann immer mehr Anhänger. Sie ergriff auch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770 – 1840) und später ebenfalls König Friedrich Wilhelm IV. (1795 – 1861)[2].

Hatten anfangs die konfessionellen Unterschiede innerhalb der aufkommenden Erweckungsbewegungen kaum eine Rolle gespielt, so änderte sich dies mit der Rückbesinnung auf ältere kirchliche Traditionen. Denn große Teile der Erweckungsbewegungen bekamen eine konfessionelle, teilweise auch konfessionalistische Ausrichtung, als die Unionsbestrebungen im evangelischen Christentum Preußens zunahmen[3]. Diese Bestrebungen führten zu der von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1817 verordneten Union der lutherischen und reformierten Kirchen (Evangelische Kirche in Preußen, später Evangelische Kirche der altpreußischen Union). Davon sind die als Altlutheraner bezeichneten lutherischen Bekenntnisgemeinden zu unterscheiden.

Fontane hat für sein literarisches Schaffen auch den pietistischen hinterpommerschen Adel herangezogen, z.B. für „Effi Briest“, „Die Poggenpuhls“ und das Fragment „Storch von Adebar“. Gerade im „Storch von Adebar“ kann man den Geist der pietistischen Gutshäuser gut nachempfinden.

Seit ungefähr 1820 zog der Neupietismus in hinterpommersche Gutsbezirke ein. An erster Stelle ist Adolf Ferdinand von Thadden (1796 – 1882) auf Gut Trieglaff (Kreis Greifenberg) zu nennen. Er war mit Henriette geb. von Oertzen verheiratet und hatte das Gut von seinem Schwiegervater erworben.

Adolf von Thadden wurde zum Mittelpunkt der pietistischen Erweckungsbewegung in Pommern. Diese hob die Bedeutung der Bibel und der individuellen Frömmigkeit hervor und kreiste um Sünde und Gnade. Zu diesem Kreis stießen nach und nach weitere Adlige, darunter Moritz von Blanckenburg auf Gut Zimmerhausen (1815 – 1888), nach und nach der junge Otto von Bismarck (1815–1896), seit 1816 auf Gut Kniephof (südlich von Trieglaff), der spätere Reichskanzler, und Ernst Karl Wilhelm Adolf Freiherr Senfft von Pilsach (1795 – 1882). Auch die Brüder von Gerlach, Ernst Ludwig ( 1795 – 1877) und Leopold (1790–1861), gehörten zum Freundeskreis um Adolf von Thadden und nahmen lebhaften Anteil an der pommerschen Erweckungsbewegung[4].

Diese Adligen waren nicht nur Gutsbesitzer, sondern je nach Fall Landräte und Politiker (z.B. auch Abgeordnete im preußischen Landtag). Hierauf wird nicht näher eingegangen, jedoch weiter unten über ihre Stellung im Pietismus.

Adolf von Thadden hielt auf seinem Gut „Pastoral-Konferenzen“ ab, weil der Vertreter der Amtskirche nicht den lebendigen Glauben vertrat. Darüber hat Carl Büchsel (1803 – 1889), ein späterer Generalsuperintendent, in seinen Erinnerungen, die Fontane sehr schätzte, berichtet: „Herr von Thadden…gab mir ein lebendiges Zeugnis davon, daß der Herr wahrhaft und fühlbar bei uns sei.“[5]

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, daß der Pietismus keineswegs nur aus „Frömmigkeit“ bestand. Denn Adolf von Thadden predigte seinen Standesgenossen die soziale Verantwortung. Das modische Gerede von der Gleichheit (!) sei durch eine handfeste Bruderschaft zu beschämen. Darauf hat ein Zeitzeuge der Gegenwart, Christian Graf von Krockow, in seinen Erinnerungen hingewiesen[6]. 

Adolf von Thadden hat nicht in einer praktizierten Frömmigkeit verharrt. Er hat sich auch mit der gelehrten Theologie beschäftigt, z.B. mit Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834). Schleiermachers theologische Lehre machte ihn zum „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“. Aber seine Werke wurden vielfach kontrovers aufgenommen und seine Lehre abgelehnt. Zu denjenigen Personen, die sie ablehnten, gehörte auch Adolf von Thadden.

Er hat eine Tradition der Laientätigkeit begründet, die bis zu seinem Urenkel Reinold von Thadden-Trieglaff (1891 – 1976) reicht, dem Begründer der Evangelischen Kirchentage nach 1945.

Seit mehreren Generationen hatten die Kurfürsten von Brandenburg und später die Könige von Preußen vergeblich versucht, Lutheraner und Reformierte zu einer Union zu vereinigen. Nachdem die Aufklärung an Boden gewonnen hatte, erschienen die Unterschiede zwischen den beiden Bekenntnisausrichtungen nicht mehr bedeutungsvoll zu sein. Obwohl der fromme König Friedrich Wilhelm III. der Aufklärung kritisch gegenüber stand, wollte er die lutherische Landeskirche mit der reformierten Tradition des Königshauses zu einer neuen evangelischen Unionskirche vereinigen. Dazu fühlte er sich als Landesherr, nämlich als summus episcopus, berufen.

Man ging schrittweise vor. Im Jahre 1808 wurden die getrennten lutherischen und reformierten Kirchenbehörden vereinigt. 1813 wurden dann die Bekenntnisverpflichtungen der Geistlichen allein auf die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche aufgehoben. Schließlich wurde 1817 durch königliche Kabinettsorder die neue evangelisch christliche Kirche verfügt. Innerhalb dieser Union durfte es keine lutherische Bekenntniskirche mehr, sondern nur noch einen lutherischen gleichberechtigt neben dem reformierten Flügel geben. Ab 1820 wurde für alle evangelischen Bekenntnisse eine verbindliche Agende in Preußen entwickelt, die auf lutherische Empfindlichkeiten keine Rücksicht nahm. Daher wandten sich lutherische Gemeinden und Pfarrer dagegen, weil die Agende nicht lutherisch war und folglich auch in einer lutherischen Kirche nicht gelten konnte. Die Agende wurde 1829 herausgegeben und ab 1830 angewandt. Das nahmen jedoch die sogenannten Altlutheraner als die „wahre“ lutherische Kirche nicht hin. Infolgedessen waren sie staatlichen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Das führte zu gewaltsamer Unterbrechung von Gottesdiensten, Haftstrafen und sogar zum Verbot ihrer Organisation.

Da Adolf von Thadden ein besonnener Mensch war, versuchte er, Konfrontationen mit den Behörden zu vermeiden, zumal das Preußische Allgemeine Landrecht Hausandachten vorsah, die es jedem Oberhaupt eines Hauses erlaubten, sittliche und religiöse Reden zu halten. Die Schwierigkeiten entstanden allerdings dann, als der Zulauf zu seinen Veranstaltungen immer größer wurde und sich das auf den Besuch in der Amtskirche auswirkte. Sie steigerten sich ab 1840, als die Kirchenpatrone die Besetzung der Pfarre mit einem unierten Pastor ablehnten. Pastor Nagel legte sein Amt nieder, weil der König die erbetene Befreiung von der Unionsordnung ablehnte. Der 1856 berufene Pastor Zöller legte ebenfalls sein Amt nieder und trat aus der Kirche aus. Ein Teil der Gemeinde schloß sich in der altlutherischen Gemeinde zusammen und erbaute ein eigenes Kirchengebäude[7].

Auf König Friedrich Wilhelm III. folgte König Friedrich Wilhelm IV. Er beendete die Verfolgung, allerdings unter Vorbehalten. 1841 konnte die erste lutherische Generalsynode nach der Verfolgung stattfinden und sich neu organisieren. 1845 wurde die königliche „Generalkonzession für die von der Gemeinschaft der evangelischen Landeskirche sich getrennt haltenden Lutheraner“ erlassen.

Zu den Vorbehalten: Die Lutherische Kirche durfte sich nicht Kirche nennen, sondern es sollte eine „Gemeinschaft“ sein. Allerdings verstanden sich diese Lutheraner als Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen[8]. Friedrich Wilhelm IV. setzte einen sogenannten Oberkirchenrat ein, womit ein königliches Kirchenregiment aufrechterhalten wurde.

Da Adolf von Thadden die 1817 verfügte preußische Union ablehnte, trat er schließlich aus der Evangelischen Landeskirche in Preußen aus. Er schloß sich der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen[9] an und wurde einer ihrer führenden Vertreter.

Nunmehr soll auf die erweckten Adligen eingegangen werden, die zu seinem Freundeskreis gehörten.

Zu Moritz von Blanckenburg: während Adolf von Thadden Kirchenpatron (Schirmherr) in Trieglaff war, war Moritz von Blanckenburg Kirchenpatron in der Filialkirche im Nachbarort Zimmerhausen. Moritz von Blanckenburg war in erster Ehe mit Marie von Thadden-Trieglaff (1822 – 1846) verheiratet, einer Tochter Adolfs von Thadden.

Nach Moritz von Blanckenburg ist jetzt Otto von Bismarck zu erwähnen. Sie waren Freunde, denn beide hatten das Gymasium in Berlin besucht[10] und wohnten jeweils nur wenige Kilometer von Trieglaff entfernt.

Bei der Hochzeitsfeier Moritz von Blanckenburg und Marie von Thadden 1844 in Trieglaff war auch Otto von Bismarck zugegen. Er lernte dort Johanna von Puttkamer kennen, die aus einem sehr pietistisch geprägten evangelischen Elternhaus stammte.

Bei dieser Hochzeitsfeier wurde ein weißer Saalbau eingeweiht, dessen Bau wegen des großen Zulaufs zu den „Missionskonferenzen“ notwendig geworden war. Zwar durfte bei dieser Feier aus pietistischen Erwägungen nicht getanzt werden, aber gleichwohl wurde für die Hochzeitsgäste ein Feuerwerk gezündet. Dabei gerieten jedoch fast alle Stallgebäude und die Hälfte des Dorfes in Brand[11]. Auch Otto von Bismarck half beim Löschen des Brandes. Einer Frau, die vom Löschen abriet, soll er zugerufen haben: „Betet, aber haltet Euer Pulver trocken.“ Dazu zwei Bemerkungen: erstens, die Erweckungsbewegung hatte viele Anhänger gefunden; zweitens, Otto von Bismarck war bis dahin nicht dafür gewonnen, obwohl Marie von Thadden-Trieglaff sehr viel versucht und für sein Seelenheil gekämpft hatte. Nach und nach machte von Bismarck eine innere Wandlung durch, die er in seinem Brief an „Herrn von Puttkamer“[12] offenbart und in dem er 1846 um die Hand seiner Tochter Johanna anhält[13]: „…hatte ich bei meiner Einsegnung[14] durch Schleiermacher … keinen anderen Glauben als einen nackten Deismus, der nicht lange ohne pantheistische Beimischung blieb. Es war ungefähr um diese Zeit, daß ich … aufhörte …zu beten.“ Unter dem Eindruck dessen, was er im Laufe der Zeit erlebt hatte, darunter vor allem den frühen Tod seiner Freundin Marie von Blanckenburg (geborene von Thadden-Trieglaff, gestorben 1846), vollzog sich diese innere Wandlung, die als glaubwürdig empfunden wurde. Daher konnte die Hochzeit mit Johanna von Puttkamer 1847 stattfinden. Die innere Wandlung hatte Bestand: „Ich weiß nicht, wie ich das früher ausgehalten habe; sollte ich jetzt [412 Jahre nach seiner Hochzeit, also ca. 1851] leben wie damals, ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder – ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich das Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.“[15]

Ernst Karl Wilhelm Adolf Freiherr Senfft von Pilsach, seit 1825 verheiratet mit Ida von Oertzen, war der Schwager von Adolf von Thadden, der mit Henriette von Oertzen verheirat war. Er war nach Adolf von Thadden der einflußreichste Vertreter der pietistischen Erweckungsbewegung in Pommern.

Ein Nachtrag zu Moritz von Blanckenburg: nachdem seine erste Frau, Marie geborene von Thadden, schon 1846 gestorben war, ging er 1853eine zweite Ehe ein, nämlich mit Therese von Below-Reddentin (1822 – 1892).

Das führt zum Stichwort „Belowsche Bewegung“[16]. Während seiner Teilnahme an den Freiheitskriegen entdeckte Gustav Ernst Anton Wilhelm von Below (1790 – 1843) den Pietismus und begegnete Adolf von Thadden, Senfft von Pilsach und Hans Jürgen von Kleist-Retzow (1771–1844). Zusammen mit seinen Brüdern Karl Ewald Andreas (1783 – 1843) und Heinrich Friedrich (1792 – 1855) entsagte Gustav dem Luxusleben des preußischen Adels förmlich und programmatisch: „Glas, Karten und Pfeife“. Die Brüder behielten ihre Frömmigkeit nicht für sich, sondern entfalteten als Kirchenpatrone eine volksmissionarische Tätigkeit. Ihre Bibel- und Betstunden waren gut besucht, dauerten oft mehrere Stunden und riefen ekstatische Erscheinungen und Zungenreden[17] hervor. Das führte zu heftigen Auseinandersetzungen mit der örtlichen Pfarrerschaft und den staatskirchlichen Behörden bis hin zur Verwaisung der amtskirchlichen Pfarrstelle.

Hans Jürgen von Kleist-Retzow, als Johann Georg von Kleist geboren (1771 – 1844), war in erster Ehe mit Henriette Auguste von Blanckenburg verheiratet. Gemeinsam mit seiner dritten Frau, Auguste von Borcke verwitwete von Glasenapp, schloß auch er sich der pommerschen Erweckungsbewegung an.

Nach diesem Überblick über die wichtigsten Vertreter des Pietismus im hinterpommerschen Adel soll nunmehr Theodor Fontanes schriftstellerische Darstellung dieser Personen und der Geschehnisse mitgeteilt und bewertet werden. Das alles hat ihn sehr beeindruckt, denn er hat es in mehreren Werken abgehandelt.

Dazu drei Vorbemerkungen: erstens, diese pietistischen Geschehnisse haben sich im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugetragen. Dagegen hat Fontane seine Werke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veröffentlicht, also mit einem gewissen Abstand, als diese Geschehnisse einen Teil ihrer ursprünglichen Kraft verloren hatten. Zweitens, Fontane war sowohl ein Anhänger als auch ein Kritiker des pommerschen Adels. Er schreibt, weil er unter der Geringschätzung durch den Adel leidet:

„Man ist nicht Null, nicht geradezu Luft, aber es gähnt doch eine Kluft, und das ist die Kunst, die Meisterschaft eben, dieser Kluft das rechte Maß zu geben.“[18]

Dagegen steht:

„…und trotz ihrer enormen Fehler bleiben märkische Junker und Landpastoren meine Ideale, meine stille Liebe.“[19]

Diese Aussage ist um so erstaunlicher als der Adel nach seiner Meinung nicht mehr in die moderne Zeit paßte.

Die Erwähnung der märkischen Junker führt zu einer dritten Vorbemerkung: da Theodor Fontane einerseits in der Mark Brandenburg geboren war und sie oft durchwandert[20] und andererseits in Swinemünde/Pommern gelebt hat, verwendet er als Schriftsteller Familiennamen und Ortsnamen immer wieder verfremdet. Daher ist es nicht einfach herauszufinden, ob sie sich auf die Mark Brandenburg oder auf Pommern beziehen. Dafür mögen einige Beispiele genügen. Aus von Thadden wird von Padden, aus von Glasenapp wird von Grasenabb. Durch die Verwebung von märkischem und pommerschem Adel als Stilmittel ist oft nicht klar, wo er die Erzählung ansiedelt. Das gilt auch für Ortsnamen wie Kessin. Nun gibt es zwar den Ortsnamen Kessin, sogar mehrfach, jedoch nicht an einem fiktiven Flüßchen Kessine[21]. Auf jeden Fall verwendet oder bildet Fontane solche Namen, weil er damit immer etwas verbindet.

Nach diesen Vorbemerkungen soll jetzt über Theodor Fontanes Einstellung zum pommerschen Pietismus oder besser, zum pietistischen Konservatismus berichtet werden. Dafür steht sein Fragment „Storch von Adebar“. Damit hat er sich etwa ab 1881 beschäftigt. Er beschreibt den Inhalt des Entwurfs in einem Schreiben an den Redakteur von „Westermanns illustrierten deutschen Monatsheften“: er habe in dieser politischen Novelle den pietistischen Konservatismus, den König Friedrich Wilhelm (1840 – 1861) aufgebracht habe, in seiner Unechtheit, Unbrauchbarkeit und Schädlichkeit nachgezeichnet. Dieser pietistische Konservatismus habe ungefähr bis 1866 bestanden.

Der Name von Adebar ist nicht fiktiv, denn es gab ein pommersches Geschlecht von Adebar. Aber in der Novelle ist Storch von Adebar ein märkischer Adliger, aber die Handlung spielt in der Uckermark. Die Erzählung beschreibt die Tragik von Eheleuten, die nicht zusammenpassen. Dabei wird „die Störchin“ als ebenso fromm wie herrschsüchtig, ihre Frömmigkeit als Deckmantel für weltliche, eigennützige Absichten beschrieben. Übrigens steht das Ehepaar Storch von Adebar auch für andere Personen, an die Fontane beim Schreiben der Novelle gedacht hat[22].

Diese Thematik hat Fontane nicht losgelassen. Denn in dem Roman „Unwiederbringlich“ beschreibt er die tief religiöse Christine Holk[23], die an ihrer eigenen Religiosität zugrunde geht und schließlch Selbsttötung begeht. Er kennzeichnet sie mit: „immer Harmonium, immer Kirchenleuchter, immer Altardecke mit Kreuz. Es ist nicht auszuhalten.“[24] Er schreibt gegen unechte Frömmigkeit und Scheinmoral der christlichen Gesellschaft. Das belegt folgendes Zitat[25]: „Ich habe nichts gegen das Christlich-Konservative, ganz im Gegenteil, ich glaube, daß es ein Segen ist, aber das Dilettieren damit ist vom Übel und diskreditiert die Sache und Personen.“

Übrigens steht Theodor Fontane mit seiner Kritik an pietistischer Frömmigkeitspraxis keineswegs allein da. Es hat die Kritik seit der Entstehung des Pietismus immer wieder gegeben. Beispielhaft soll an Hermann von Pückler-Muskau erinnert werden, der von einer „herrenhutischen Heuchelanstalt“ gesprochen hat.

Abschließend soll noch auf Theodor Fontanes bekannten Roman „Effi Briest“ eingegangen werden. Das aus den anderen Werken bekannte Thema Ehedrama wird um die Einführung der „fremden“ Effi in die pommersche Adelsgesellschaft und den Blick dieser Gesellschaft auf ihre Religiosität ergänzt. Dafür steht folgendes Zitat[26]:

„In Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche (geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.“

Dr. Hasso Prahl

11.08.2019

[1] Nähere Einzelheiten: Brecht, Martin: Philipp Jakob Spener, sein Programm und dessen Auswirkungen. In: Geschichte des Pietismus, 1993.

[2] Gäbler, Ulrich (Hrsg.): Der Pietismus im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. (Geschichte des Pietismus). Band 3, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000.

[3] Benrath, Gustav Adolf: Die Erweckung innerhalb der deutschen Landeskirchen. In: Geschichte des Pietismus, 2000, Bd. 3, S. 170.

[4] Von Gerlach, Jürgen: Lebensbilder einer Familie in sechs Jahrhunderten. Insingen, Degener, 2015.

[5] Zitat bei Elsbeth Vahlefeld: Theodor Fontane in Pommern und in den östlichen Provinzen Preußens. Thomas Helms, Schwerin 2008, S. 81.

[6] Krockow, Christian Graf von: Erinnerungen. Zu Gast in drei Welten. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2000. 305 S.

[7] Ulrich, Albert: Chronik des Kreises Greifenberg in Hinterpommern, 1990.

[8] Hinweis: auf der Taufurkunde vom 8. Juli 1937 für Hasso Prahl, getauft am 4. Juli 1937 in Zimmerhausen, steht: „Das evangelisch-lutherische Pfarramt Trieglaff (bei Batzwitz) Kreis Greifenberg/Pomm.“ und „Kirchensiegel der luth. Gemeinde zu Zimmerhausen“.

[9] Zur Erinnerung: die „Evangelische Kirche der altpreußischen Union“ ist nicht eine lutherische, sondern eine unierte Kirche.

[10] Richter, Werner: Bismarck, Eine Biographie, 1962, S. 35 ff.

[11] Sieber, Helmut: Herrensitze in Pommern, 1963, S. 99.

[12] Heinrich von Puttkamer (1789 – 1871), verheiratet mit Luitgarde Agnese von Glasenapp (1799 – 1863).

[13] Klein, Tim: Der Kanzler in seinen Briefen, Reden und Erinnerungen…, München 1915, S. 65.

[14] Konfirmation.

[15] Gall, Lothar: Bismarck – Der weiße Revolutionär, Frankfurt, 1980.

[16] Gustav Adolf Benrath, Ulrich Gäbler (Hrsg.): Der Pietismus im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Die Erweckungsbewegung innerhalb der deutschen Landeskirchen. Göttingen 2000.

[17] Die Zungenrede wird an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments erwähnt, z.B. in Markus 16,17 und 1. Korinther 14, 1 – 40. Die Zungenrede fand als neuzeitliche Erscheinung gegen Ende des 17. Jahrhunderts als Zweig des radikalen Pietismus Eingang in die religiöse Praxis.

[18] Grawe, Christian und Nürnberger, Helmuth: Fontane-Handbuch, Stuttgart, 2000, S. 730; zitiert nach Vahlefeld, Elsbeth, aaO, S. 48.

[19] Fontane, Emilie und Theodor: Der Ehebriefwechsel 1873 – 1898, S. 388, zitiert nach Vahlefeld, Elsbeth, aaO, S. 48.

[20] S. das mehrbändige Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“.

[21] Nähere Einzelheiten, s. Vahlefeld, Elsbeth, aaO, S. 38.

[22] Nähere Einzelheiten, s. Fischer, Hubertus: „Riesler“ und „Scheunenprediger“. Versuch über Familienähnlichkeiten in Theodor Fontanes „Storch von Adebar“, 51 (2000), S. 156–185.

[23] „Eine Meile südlich von Glücksburg, auf einer dicht an die See herantretenden Düne, lag das von der gräflich Holkschen Familie bewohnte Schloß Holkenäs…“ Unwiederbringlich, Erstes Kapitel.

[24] „Unwiederbringlich“, Fünftes Kapitel.

[25] „Prosafragmente und Entwürfe“, 1984.

[26] Fontane, Theodor: „Effi Briest“, Roman, Neuntes Kapitel.

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