Vater Domröses Advent

Scherenschnitt von Fritz Sonntag,

Scherenschnitt von Fritz Sonntag, Travemünde aus Pommersches Heimatbuch 1954

Ein Stern erhellt die Nacht
ist auch die Heimat weit
der Stern kennt alles Leid
und hat es klein gemacht

Vater Domröses Advent

Der Sturm riß ihm die Außentür der Baracke aus der Hand und schlug sie kurv, hinter ihm krachend ins Schloß. Auf die Pappe des niedrigen Daches prasselte der Regen. Der alte Domröse kroch umständlich aus dem schweren Mantel, faßte ins Leinenband oben am Kragen, schlackerte kräftig und hing ihn dann an den Haken gleich neben der ersten Tür. Domröse ließ seine Augen noch einmal über das betagte Kleidungsstück gehen. Ein Staatsstück war es nicht mehr, dieser Mantel, aber Domröse hing an ihm. Er hatte ihn angehabt, als er fortmusste, vor sieben Jahren, gerade zu Weihnachten.

Winter im Lager Korügen, Heikendorf an der Kieler Förde
Bild von Peter Perrey aus Beitrag Was nicht schon alles für Wetter und Klima verantwortlich war… auf www.myheimat.de

Der Alte stülpte den nassen Hut oben auf den Kleiderriegel, wechselte die derben Lederstiefel mit weichen Pantoffeln und drückte dann die Klinke seiner Wohnungstür herunter. Quer über den Barackengang, bei Bonkes oder Petrikats oder einer der anderen zehn Parteien, die sich diese karge Behausung teilen mußten, dudelte ein Radio.

,,N’Abend, Mutter. Man möcht’ heut’ keinen Hund rausjagen”. „Aber Du gehst”. „Muß doch die ollen Knochen mal bewegen.” — Der alte Domröse war froh, daß er sich mit Bauer Jens auf dem Hof hinter der Schule gut verstand. Der holte Domröse öfter zu sich, ließ ihn dies oder jenes besorgen, beim Ferkeln oder Kalben hellen und fragte ihn dann und wann um Rat. Vor sieben Jahren wurden Domröse und seine Frau vom Hof geschleift, einem eigenen, wie Jens ihn heute noch hat. Nicht weit von der Leba weg lag der.

Mutter Domröse erhob sich langsam aus dem mit Kissen an Rücken- und Armlehnen bequem bepackten Holzstuhl neben dem eisernen Herd, der auch als Ofen diente. Am Kamin dahinter rumorte der Nordwestwind, der von der Nordsee kam, die man bei solchem Wetter schmecken konnte.

Man sah es Mutter Domröse an, wie sie sich anstrengen mußte bei ihren Hantierungen. Dabei war es noch gar nicht so lange her, daß sie ihre Wirtschaft ohne Behinderung hatte versorgen können. Zu Hause, hinter der Leba. Aber von der Vertreibung, gehetzt wie eine Flucht, war ein Hüftleiden zurückgeblieben. Und doch hielt sie noch jetzt das ihnen Verbliebene zwischen vier leichten Barackenwänden akkurat zusammen. „Komm, Vater, stärk Dich”. Der alte Domröse rückte den Tisch näher an den Stuhl seiner Frau. Sie hatte sich wieder in die warmen Kissen verkrochen und langte die Kanne von der Platte. Vater Domröse schlürfte unter seinem dichten Schnurrbart den heißen Kaffee. „Morgen ist vierter Advent”, meinte die alte Frau leise. „Vier Tage noch bis Weihnachten. Hermann wird diesmal nicht kommen können. Und Wilhelm …” Das war der zweite Sohn, der saß auf einem Hof bei Greifswald. Hermann, der Älteste, fuhr ins Bergwerk ein, Kohle zu schlagen.

Mutter Domröse blickte hinüber auf die kleine Kommode am Fenster. Vor der üppig wuchernden Fuchsie stand in blassem Rahmen eine Photographie, der jüngste der Söhne; er war aus dem Kriege nicht zurückgekehrt. „Er kann nun nicht mehr den Schimmel reiten, am Heiligabend, und dem Schnappbock davon preschen”. „Ja, ja, der Johannes, der Pfiffikus”. „Ja, Heiligabend war es auch, als wir weg mußten”, antwortete die alte Frau mit einem schüchternen Seufzer. Auch damals war alles tief verschneit gewesen, der See mit den drei Inseln, das Dorf auf der kleinen Anhöhe. Und die Luft war dicht und still, als sie mit dem Bündel in der Hand an der großen Birke auf den Wagen kletterten.

„Ich hol uns Montag ein schönes, kleines Bäumchen. Jens sagte, ich kann es mir selber aussuchen”. Vater Domröse sah seine Frau fest dabei an. „Nun reich mir mal das Gesangbuch, Mutter”.

Auf das Barackendach prasselte noch immer der Regen.

Paul Th. Hofmann in:

Pommersches Heimatbuch 1954