Wilhelm Franz August Gerbrecht – Versuch einer Annäherung

Ein Gastbeitrag von Peter Gerbrecht

Erstmals verzeichnet das Adreß- und Geschäfts-Handbuch für Stettin den Familiennamen Gerbrecht in seiner Ausgabe von 1879 (S.48):

Der Eintrag nennt genau jenen „Pantoffelmacher“ Carl Gerbrecht mit Wohnsitz in der Apfel-Allee 1c, der später in der Heiratsurkunde von Wilhelm Franz August Ger­brecht als dessen Vater und mit der Berufsbezeichnung „Tischler“ angegeben ist. Am 18. Juli 1891, dem Tage der Eheschließung seines Sohnes, war Carl Fried­rich Ferdinand Gerbrecht allerdings auch schon seit acht Jahren Witwer. Die verstorbene Ehefrau und Mutter Ida Marie Friederike, Tochter des Holzpantoffel­machers Johann Brandt, war bereits am 16. Juni 1883 im Alter von nur 45 Jahren zu Tode gekommen.

Laut seiner Heiratsurkunde war der „Töpfergeselle“ Wilhelm Franz August Gerbrecht am 27. Januar 1863 in „Alt-Damm“[1] geboren und somit zum Zeitpunkt der Vermählung 28 Jahre alt. Bei der 26-jährigen Braut handelte es sich um die „Arbeiterin“ Emma Henriette Friederike Mulchin, die ursprünglich aus Zinnowitz im Kreis Usedom-Wollin stammte, im Jahre 1891 aber nur wenige Häuser entfernt in der Apfel-Allee 21 wohnte. Sie war als uneheliches Kind ihrer Mutter Ottilie am 20. September 1864 zur Welt gekommen und sollte nach der Familienlegende noch bis in ihr 44. Lebensjahr ‒ also 1908, dem Geburtsjahr des jüngsten Sprosses Robert Franz Wilhelm ‒, insgesamt mindestens zehn Kinder gebären.

Über den beruflichen Werdegang von Wilhelm Franz August Gerbrecht und die möglicherweise wechselnden Wohnsitze seiner Familie ist bis ins Jahr 1908 nichts bekannt. Dass der „Töpfer“ und später auch als „Töpfermeister“ oder „Ofen­setzer“ bezeichnete Wilhelm Gerbrecht mit Anschrift in Altdamm erstmals im Adreßbuch für Stettin und Umgebung von 1909 aufgeführt wird, ist nicht verwun­derlich. Ältere Ausgaben beschränkten sich auf das reine Stadtgebiet von Stettin einschließlich der bis 1908 eingemeindeten Vororte und gaben dies im Titel auch ausdrücklich zu erkennen.[2] Das acht Kilometer entfernte Altdamm aber war mit seinen 7.453 Einwohnern im Jahre 1909 noch eine selbständige Kleinstadt inner­halb des damaligen Kreises Randow und gehörte somit zur „Umgebung“ von Stettin, ehe es 30 Jahre später im Zuge der umfänglichen Gebietsreform vom 15. Oktober 1939 dem neu entstandenen „Groß-Stettin“ zugeteilt wurde.[3] Hinzu kommt, dass „Gewerksgehülfen, Dienstboten und Arbeiter ohne Grundbesitz“ bis 1908 vom Wohnungsnachweis ausgeschlossen waren, wodurch ein Teil der er­wachsenen Bevölkerung unberücksichtigt blieb und damit gewissermaßen nicht existierte.

Bemerkenswert ist, dass keine Angehörigen der Braut vor dem Standesbe­amten erscheinen, dagegen aber zwei weitere Verwandte des Bräutigams als Trauzeugen genannt werden. Es sind dies der ebenfalls in der Apfel-Allee 15 wohnhafte 24-jährige „Maurer“ Gustav Gerbrecht und der 29 Jahre alte „Arbeiter“ Franz Gerbrecht aus der Stettiner Schulzenstraße 22. Wie aus anderen Quellen unzweideutig hervorgeht, waren die drei Herren Wilhelm, Gustav und Franz tat­sächlich Brüder und daher allesamt Söhne des Holzpantoffelfabrikanten Carl Friedrich Ferdinand Gerbrecht.[4]

Auch lässt sich belegen, dass unser Urgroßvater Wilhelm Franz August Ger­brecht in der Folgezeit ‒ spätestens aber 1897 ‒ die väterliche Wohnung in der Apfel-Allee verließ und zurück in seinen Geburtsort Altdamm zog. In welchem Jahr genau dies geschah, liegt im Dunkeln. Fest steht nur, dass der Familienna­me Gerbrecht 1897 aus dem Adressbuch verschwindet und ab 1898 ein „Schutz­mann“ namens Wilhelm Gerbrecht auftaucht. Ob auch hier eine Verwandtschaft bestanden hat, ist unklar. In jedem Falle aber hat der Ofensetzer Wilhelm Ger­brecht mit seiner vielköpfigen Familie nicht in Stettin, sondern in Altdamm gelebt und dort wenigstens einmal die Anschrift gewechselt, nämlich von der Parterre­wohnung in der Mönchenstraße 10 (1909-1917) in die Breite Straße 9 (1918-1927).[5]

Um sein 64. Lebensjahr herum, wahrscheinlich im Jahre 1927, muss er Altdamm dann erneut verlassen haben und ist mit seiner Ehefrau nachweislich nach Stettin gezogen, um in der Lothringer Straße 20 ‒ im Hause des Architekten Wilhelm Westphal[6] ‒ offenbar seinen Alterssitz zu begründen. Im Stettiner Adreß­buch und Umgebung von 1930 wird er jedenfalls ein letztes Mal namentlich er­wähnt, bevor Emma Gerbrecht 1931 unter derselben Anschrift als Witwe firmiert.

Wilhelm Franz August Gerbrecht war demzufolge in der Zwischenzeit im Alter von rund 67 Jahren verstorben, während seine Frau ihn noch um mindestens zehn Jahre überlebte. Zwar ist unklar, wo diese bis 1934 gemeldet war, aber fest steht auch, dass sie im Jahr darauf zu ihrer Tochter Hedwig und Schwiegersohn Walter Welkerling nach Altdamm gezogen ist. In einem Reihenhaus der „Stadt­randsiedlung“ am Theodor-Körner-Weg 11 verbringt sie ihren Lebensabend, bis sie 1941 im stolzen Alter von 76 oder 77 Jahren höchstwahrscheinlich verstirbt und ihr Name 1942 endgültig aus dem Adressbuch verschwindet.

Nicht alle Kinder des Ehepaares Wilhelm und Emma Gerbrecht dürften die ersten Lebensjahre angesichts der schwierigen wirtschaftlichen und hygienischen Verhältnisse in der damaligen Zeit überlebt haben. Eine hohe Kindersterblichkeit und auch Totgeburten waren im Kaiserreich um die Jahrhundertwende allgegen­wärtig, wie ein Blick in die zeitgenössischen Sterberegister beweist. Zumindest sieben Geschwister aber haben das Erwachsenenalter nachgewiesenermaßen erreicht. Und fünf von ihnen sind auf einer seltenen Photographie aus der Zeit in Altdamm verewigt ‒ einer Aufnahme, die, wenn auch leider undatiert, mutmaßlich um das Jahr 1914 herum im Photoatelier von Richard Hanpft entstanden sein muss.

Zu sehen sind, dem Alter nach aufgereiht und von links nach rechts, der genannte Robert (geb. 1908), Gustav, Wilhelm („Willy“), Hedwig (?) und Irmgard (?).[7]

Haben Sie Ergänzungen zu den hier genannten Nachnamen Brandt, Mulchin, Welkerling, Westphal? Ich freue mich auf eine Nachricht von Ihnen!

Peter Gerbrecht

Anmerkungen:

[1] In der älteren Literatur wird „Alt-Damm“ noch überwiegend mit Bindestrich geschrieben. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzt sich die später amtliche Form „Altdamm“ allmählich durch.

[2] So z.B. im Adreß- und Geschäfts-Handbuch für Stettin, die Stadt Grabow, die Ortschaften Bollinchen, Bredow, Frauendorf, Gotzlow und Züllchow von 1891.

[3] Siehe dazu den Artikel über den Landkreis Randow in der Wikipedia (URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Randow) [aufgerufen am 2.11.2018].

[4] Siehe dazu die Forschung des Computergenealogen Dr. Raphael Dammer, Bochum (URL: http://www.gedbas.de/person/show/1164719456) [aufgerufen am 27.11.2018]. Gesichert ist auch die Existenz eines vierten Sohnes, die des Jüngsten Hellmuth Gerbrecht.

[5] Hier, in der Breite Straße in Altdamm, hat Tochter Hedwig wahrscheinlich auch ihren späteren Ehemann, den „Maurer“ Walter Welkerling kennen gelernt. Dieser war 1927 nebenan in der Breite Straße 8 wohnhaft.

[6] Der Architekt und Bauingenieur Wilhelm Westphal sollte ab Mai 1927 Ausbilder und Arbeitgeber von Robert Franz Wilhelm Gerbrecht werden, der hier eine dreijährige Maurerlehre absolvierte.

[7] Bei genauem Hinsehen fällt auf, dass Robert schon als kleiner Junge linksseitig erblindet war. Er hatte sein Augenlicht im Alter von drei Jahren als Folge eines Keuchhustenanfalls verloren und trug in späteren Jahren ein Glasauge (Photographie aus meinem Privatbesitz).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.